Deutsch als Fremdsprache – die Rechtschreibreform

Spätestens seit der Einführung der Ganzheitsmethode, bei der nicht mehr Buchstaben, sondern ganze Wörter gelernt werden und damit das Lesenlernen mehr in ein Auswendiglernen denn in richtiges Verstehen eines Textes ausartet, stellt die korrekte deutsche Schreibweise nicht nur für geplagte Grundschüler eine Herausforderung dar, sondern auch für Journalisten, die eine gewisse Vorbildfunktion ausüben. An die üblichen „Böcke“ hat man sich ja schon gewöhnt, so kommt zum Beispiel kaum eine Präsentation ohne „Standart“ aus, die Frage stellt sich nur, geht es hier um eine Stand-Art oder eine Standarte, oder will man wirklich Standards setzen?

Eine Reform soll dem abhelfen. Grundsätzlich ist das ja nicht verkehrt, und schon freuen sich all jene, die bisher über die bekannten Rechtschreibhürden gestolpert sind. Endlich können wir den Schlüssel Schlüßel sein lassen und am besten gleich alle wörter klein schreiben, damit es keine unklarheiten mehr gibt. schön wäre auch eine minimalistische vereinfachung der sprache, one storende umlaute, denungen und misverstandliche buchstabenwiderholungen, das wurde buchstaben und damit zeit und geld sparen. die komas konte man auch gleich weglasen um sich die muhe zu sparen sich zu uberlegen wo sie hingehoren. Versierten E-Mail-Schreibern (und wer ist das nicht im Zeitalter des Internet) ist das sowieso nichts Neues, denn wenn die Mail schnell rausmuß, ist die Orthographie (welche in Zukunft auf halbem Wege steckengeblieben als Orthografie und nicht als Ortografi daherkommen wird) zweitrangig.

Ja von wegen! Was vorher falsch war, ist auch jetzt noch falsch (ja, ihr lieben Standartenträger, nach wie vor heißt es Standard, obwohl man hätte meinen wollen, daß die Reformer vor diesem extrem populären Fehler kapitulieren würden), und, um die Herausforderung noch zu vergrößern, was vorher richtig war, ist plötzlich falsch. Veraltete Schreibweisen werden aus der Mottenkiste geholt – hatten wir uns daran gewöhnt, im allgemeinen alles im Zweifel klein zu schreiben, so ist nun im Besonderen wieder der Duden zu bemühen. Sarkastisch ist man versucht, zu raten, einfach immer das Gegenteil von dem zu schreiben, was man vorher geschrieben hat, aber so einfach ist es dann auch wieder nicht, denn statt Durchgängigkeit und Logik gibt es wieder genausoviele unverständliche Ausnahmen wie zuvor, was die Verleger von Wörterbüchern sicher freuen wird – ja, das ist es! Wir sind die Opfer einer Verschwörung von Duden und Bertelsmann, ohne deren Nachschlagewerke wir in Zukunft hilflos in einer Ursuppe sprachlicher Verwirrung treiben werden!

Die einfachste Methode, richtig zu schreiben, ist immer noch, (orthographisch richtige) Texte zu lesen und durch Gewohnheit zu ersetzen, was an Nachvollziehbarkeit fehlt, denn nachvollziehbar sind deutsche Rechtschreibregeln in den seltensten Fällen. Für diejenigen, die mit Büchern statt mit dem Fernseher aufgewachsen sind, war die Diskussion um die Rechtschreibung daher immer schon akademisch.

Sprache wandelt sich. Das ist ein natürlicher, evolutionärer Prozeß. Ob aber diese künstlich aufgepfropfte Reform, bisher immer noch heftig umkämpft, sich durchsetzen wird, bleibt abzuwarten. Im Moment können einem jedenfalls die Schüler leid tun, denn die müssen sich mit den neuen Regeln abplagen, während sie von allen Seiten nach wie vor mit der alten Schreibweise bombardiert werden. Deutsch als Fremdsprache?

Olivia, 28.09.1997, als Leserbrief an die Süddeutsche Zeitung

Hat aber auch nichts genützt, nicht wahr? Heiße ich jetzt eigentlich Mefisto?
Herzlichst, Mephisto



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