Benders Bestiarium:
Der Erdfarben getupfte Alternativling
Homo sapiens vegetariensis vulgaris
Bevorzugtes Habitat: Er gehört im Rahmen des Evolutionsgeschehens zu den jüngeren Spezies, so wurde sein Auftreten erst in den letzten 20 Jahren gehäuft beobachtet. Mit aus diesem Grund sind noch keine endgültigen Angaben über seine Habitate zu machen. Bisher allerdings scheint er sich bevorzugt in Naturkostläden, auf biologisch-dynamischen Bauernhöfen, Universitäten und in Kreisen grüner Politiker zu bewegen. Beobachter rechnen allerdings mit einer weiteren Verbreitung in den nächsten Jahren – ein paar einzelne Exemplare sollen mittlerweile schon in Unternehmen aufgetaucht sein.
Erscheinungsbild: Der Erdfarben getupfte Alternativling ist vor allem an seinen Socken zu erkennen, die üblicherweise handgestrickt, rohwollen und beutelig aussehen. Der Blick auf sie wird oft dadurch vereinfacht, dass der Erdfarben getupfte Alternativling Sandalen der Marke “Birkenstuck” oder “Fußmoos” bevorzugt, die den Beutelzehen größtmögliche Bewegungsfreiheit lassen. Bequemlichkeit in der Kleidung ist ihm überhaupt ein hohes Ziel, so kann man bei seinen Hosen davon ausgehen, dass sie nie zu dicht anliegen und auch seine Pullover pflegen an Formlosigkeit nur durch seinen Hintern überboten zu werden.
Ein weiteres sicheres Kennzeichen des Erdfarben getupften Alternativlings ist seine Sprache. Beseligt vom Wunsch, mit dem ganzen Kosmos in Harmonie zu leben, pflegt er alles, was da kreucht und fleucht, mit dem brüderlichen “Du” zu beglücken und ist außerdem stets bereit, Überzeugungsarbeit zu arbeiten, was sich dann in Sätzen wie “Du, es macht mich echt total deprimiert, dass du kein Müsli essen willst” äußert. Er ist gerne und jederzeit bereit, über alles zu diskutieren, Meinungsaustausch ist stets sein oberstes Bestreben, wobei er darunter vor allem versteht, dass jeder Andersdenkende seine eigene gegen die Meinung des Erdfarben getupften Alternativlings austauscht. So gerne er von “Toleranz” redet, so sehr ist er doch jederzeit bereit, seine hehren und daher immer richtigen Ziele anderen überzustülpen und den zu verdammen, der den falschen Thunfisch kauft und weiterhin Auto fährt.
Besonderheiten: Der Erdfarben getupfte Alternativling zeichnet sich besonders durch seltsame Ernährungsgewohnheiten aus. So schätzt er frisches Vogelfutter (“Müsli” genannt), kann keinem schrumpeligen (d.h. biologisch angebauten) Äpfelchen widerstehen und strömt ab und an einen strengen Geruch nach feuchter Lammwolle und Kernseife aus, der auf seinen Kleidungs- und Waschgewohnheiten beruht.
Benders Empfehlung: Wenn Ihnen Gesundheit schon immer ein wichtiges Anliegen war, wenn Sie der Meinung sind, dass zuviel Spaß einfach nicht erlaubt sein kann, dann sollten Sie sich stehenden Fusses in Ihren nächsten Naturkostladen begeben, um dort einen Erdfarben getupften Alternativling einzufangen. Ihr Lebensglück mit ihm ist gesichert, wenn Sie des weiteren Ihren Nachwuchs mit Stoffwindeln versorgen und seine Zeugung auf naturbelassener, kernseifegewaschener Baumwolle vornehmen wollen.
© Franziska Bender, September 1998
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