Benders Bestiarium:
Der Hellblasse Klarsichthüllner

Homo sapiens buerocratis germanicus

Bevorzugtes Habitat: Beamtenstuben, die Verwaltung von Unternehmen und Banken (hier bevorzugt in Buchhaltungen), auf jeden Fall aber in Büros. Der Hellblasse Klarsichthüllner scheut frische Luft und die Begegnung mit dem Unbekannten, weswegen er sich vorwiegend in geschlossenen Räumen im Rahmen seiner Vorschriften bewegt, die er auswendig zu rezitieren weiß und auf deren Einhaltung er allergrößten Wert legt. Wagt er sich denn doch einmal hinaus in die feindliche Welt, bemüht er sich, aus seinem Büro schnellstmöglich in den vorschriftsgemäß geparkten und stets frisch gewienerten Wagen (bevorzugte Marke: Mercedes der Mittelklasse, Audi) zu begeben, um sein weiteres Frischluftbedürfnis beim Mähen des Rasens in seinem Vorgarten zu befriedigen.

Der Hellblasse Klarsichthüllner ist ausgesprochen standorttreu. Er verläßt sein angestammtes Habitat höchstens zweimal im Jahr, um sich ins monatelang vorher gebuchte Ferienquartier (beliebte Ziele: Der Wolfgangsee und der Bayerische Wald) zu verfügen. Sehr oft ist er dann auch auf Campingplätzen zu finden, wo er den Platz vor seinem Vorzelt mit einem kleinen, weißgestrichenen Jägerzaun einfriedet.

Erscheinungsbild: Der Hellblasse Klarsichthüllner ist leicht an seiner stets korrekten Kleidung zu erkennen. Im Büro trifft man ihn selten ohne Krawatte (in gedeckten Tönen!), im Winter pflegt er außerdem oft eine Weste zu tragen. In privater Umgebung huldigt er der Entspannung, in dem er sich mit Strickjacke oder im peinlich sauberen Jogginganzug zeigt. Älteren Exemplaren ist oft eine gewisse Verkniffenheit zu eigen.

Besonderheiten: Die Haltung eines Hellblassen Klarsichthüllners bedarf vor allem ausreichenden Raumes. Er kann nicht überleben, ohne seinem Ordnungsbedürfnis nachkommen zu können und findet seine besondere Befriedigung darin, selbst die Sonderangebote aus dem Briefkästen in Klarsichthüllen einzulegen und in einem Ordner alphabetisch abzulegen. Sein Lebenselixier ist Ordnung und was nicht zu verwalten ist, ist für ihn entweder nicht existent oder abzulehnen. Er beurteilt Menschen danach, wie sehr sie seinem Ordnungsbedürfnis entgegenkommen.

Benders Empfehlung: Wenn Sie Ihr Glück darin finden, in einem peinlich genau ausgerichteten Sessel auf einen akkurat geschnittenen Rasen im Vorgarten hinauszusehen, sind Sie mit einem hellblauen Klarsichthüllner hervorragend bedient. Mit ihm müssen Sie keine unangenehmen Überraschungen fürchten, außerdem macht er das Leben überschau- und berechenbar. Selbst wenn Sie an seiner Seite vorzeitig den Langeweiletod sterben, wird er sich Ihrer annehmen – Sie können sich darauf verlassen, dass er regelmäßig jede zweite Woche Nelken zu ihrem Grab bringen und stets das Unkraut darauf ausrupfen wird.

© Franziska Bender, September 1998

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