Benders Bestiarium:
Der Kleine Kümmerer

Homo sapiens cariensis

Bevorzugtes Habitat: Der Kleine Kümmerer ist eine ausgesprochen populäre Spezies und hat heute ein großes Verbreitungsgebiet wie zum Beispiel Internet, Pubs, Museen, das Deutsche Fernsehen, Universitäten und Supermärkte. Kurz und gut: Außer auf Fußballplätzen (wo er bisher ausgesprochen selten beobachtet wurde) und in Rockerkneipen (wo er angeblich überhaupt nicht vorkommen soll oder sich nicht zu offenbaren wagt) ist man heute nirgends vor ihm sicher.

Erscheinungsbild: Das sicherste Kennzeichnen des Kleinen Kümmerers ist sein besorgter Blick, den er mit Vorliebe auf weibliche Wesen richtet, um ihnen sodann zu versichern, dass er für alles Verständnis habe. Er ist stets stolz darauf, dass man ihm alle Sorgen anvertrauen kann und reißt sich geradezu darum, den Menschen, für die er sich kümmert, alles aus der Hand zu nehmen. So ist er geradezu versessen darauf, Nägel in Wände zu schlagen, sich selbst in offenen Motorhauben zu versenken und Ikea-Möbel zusammenzuschrauben. Leider steht seine Begeisterung für solche Tätigkeiten meist in keinem Verhältnis zu seinen technischen Kenntnissen und seinem Stehvermögen, was bedeutet, dass er oft nach kurzer Zeit (in der offenen Motorhaube oder vor einem unvollendeten Schrank) erlahmt und mit der Versicherung: “Ich mache später weiter!” verschwindet.

Leider ist es auch intensiver Forschung bisher nicht gelungen, den Zeitraum, den der Kleine Kümmerer mit “später” meint, einzugrenzen, so dass Betroffenen nur empfohlen werden kann, nach seinem Abgang den ADAC anzurufen oder den Schrank selbst zusammenzubauen, was ihnen dann beim nächsten Treffen mit dem Kleinen Kümmerer Ausrufe des Bedauerns einbringen wird.

Manchmal allerdings wurden schon Kleine Kümmerer beobachtet, die sich nicht mehr mit “praktischem Kümmern” beschäftigen, sondern stattdessen ihre intellektuellen Fähigkeiten verstärkt einsetzen. Sie zeichnen sich besonders dadurch aus, dass ihnen Sätze wie “Du, dafür habe ich echt volles Verständnis” und “Ehrlich, ich find’s gut, dass wir so offen darüber geredet haben” stets leicht von den Lippen fliessen.

Kritische Beobachter unterstellen dem Kleinen Kümmerer oft, dass er seine Kümmerfähigkeiten vor allem in der Hoffnung einsetze, sich den Weg in weibliche Betten zu ebnen, doch ist hierfür kein stichhaltiger Beweis zu erbringen.

Besonderheiten: Der Kleine Kümmerer ist meist von einer nicht zu unterschätzenden Klebrigkeit. Wer sich einmal seiner Kümmerung unterworfen hat, kommt nur schwer wieder von ihm los.

Benders Empfehlung: Wenn Fürsorglichkeit auf der Liste der Eigenschaften, die Sie an einem Mann lieben, ganz oben steht, sind Sie mit einem kleinen Kümmerer sicher gut versorgt. Allerdings haben weitergehende Untersuchungen ergeben, dass sein Helferleinsyndrom hin und wieder zu Abirrungen führt, wenn es zuhause nicht ausreichend befriedigt wird. Außerdem ist Leidenschaftlichkeit dem Kleinen Kümmerer fremd. Die Anschaffung ist also nur dann zu empfehlen, wenn Sie im Bett lieber über Ilona Christens letzte Sendung diskutieren als sich anderweitig zu vergnügen.

© Franziska Bender, September 1998

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