Benders Bestiarium:
Der Lodengrüne Waldstapfling

Homo sapiens neandertaliensis nobilitis

Achtung: Geschützte Art – vom Aussterben bedroht!

Bevorzugtes Habitat: Hoch-, Tief- und Niederwälder aller Art, außerdem schottische Moore, steirische Gebirge und afrikanische Steppen, manchmal tritt er auch in Alaska und Kanada auf. Bei geschlossenen Räumen bevorzugt er althergebrachtes – Gutshäuser, Schlösser, gutbürgerliche Restaurants, Privatbanken, Bundeswehr-Offizierskasinos und Rechtsanwaltskanzleien sind sein bevorzugter Verbreitungsraum.

Erscheinungsbild: Der Lodengrüne Waldstapfling bemüht sich stets um dezente Unauffälligkeit und ist daher in seinem natürlichen Habitat ein Meister der Anpassung und Tarnung. Er trägt mit Vorliebe Cord, Tweed, Loden und Kniebundhosen (in manchen Fällen sogar mit Bügelfalte), dazu erdverbundenes Schuhwerk der Marke “Waldbrandaustreter”, oft genug mit Profilsohle und akkurater Schnürung. Wenn es ihn in die Stadt verschlägt, wechselt er bisweilen den Lodenmantel gegen einen Trenchcoat aus, kann aber auch darin sicher rekognistiziert werden, weil er garantiert keine Knitterfalte zuläßt. Sehr viele Exemplare tragen außerdem am kleinen Finger der rechten Hand einen goldenen Siegelring mit dem Familienwappen. Selbiges sei, wie Kennerinnen berichten, teilweise auch tief in die Seele der Lodengrünen Waldstapflinge eingebrannt, weswegen sie mit besonderer Vorliebe von “Tradition” und der Notwendigkeit der Wahrung selbiger reden.

Der Lodengrüne Waldstapfling bewegt sich besonders gerne in konservativen, dunkelgrünen Autos der Marke Mercedes (oft auch als Geländewagen, in anderen Fall als S-Klasse oder wenigstens Kombi) fort, dabei wird der Hut nicht abgenommen, was es den Hintermännern und –frauen einfach macht, einen Lodengrünen Waldstapfling im Verkehr zu erkennen und dementsprechend zu reagieren (d.h. sich mit Geduld zu wappnen).

Besonderheiten: Zu den weniger liebenswerten Eigenschaften des Lodengrünen Waldstapflings gehört es, sich immer wieder zu bewaffnen und in Wald und Heide auf unschuldige Tiere zu schießen. Dieser Tätigkeit kommt er auch gerne im Rudel nach, was sich dann “Treibjagd” nennt und von besonders erlesenen Exemplaren als “aktiver Naturschutz” beschrieben wird.

Außerdem ist beobachtet worden, dass der Lodengrüne Waldstapfling stets ausgesprochen konservativ ist, weswegen er gehäuft in den Kreisen konservativer Politiker und Wirtschaftsgrößen auftritt.

Benders Empfehlung: Natürlich wäre es im Interesse der Artenvielfalt eine wichtige Aufgabe, dem Lodengrünen Waldstapfling zur weiteren Vermehrung zu verhelfen. Allerdings ist dabei eine Verwässerung seiner Genetik nicht auszuschließen, weswegen frau ihn vielleicht doch getrost seinen Eigenbefruchtungsversuchungen überlassen kann. Auf jeden Fall gehört er nicht unbedingt zu den empfehlenswertesten Anschaffungen. Versuche haben ergeben, dass er auch nach jahrelangem Kochen noch reichlich zäh ist, so ist er vorbehaltlos nur absolut überzeugten Hobbyköchinnen zu empfehlen.

© Franziska Bender, September 1998

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