Desdemona

Oh diese Männer, diese Männer!

Eine Kurzgeschichte von Sibylle Luise Binder

Emilia hat die Vorhänge nicht ganz zugezogen. Ein schmaler Streifen Mondlicht fällt in unser Zimmer und auf unser Bett, er zieht eine Linie zwischen uns. Deine Hand liegt darauf, der Verband um das Gelenk trennt Arm und Finger, sie sehen aus wie etwas nicht zu dir gehörendes, eigenes.

Weißt du noch, wie ich zum erstenmal deine Hand nahm und an meine Wange legte, wie ich mich in die Innenfläche schmiegte, wie ich meine Finger um das Gelenk schloß und mich an ihr festgehalten habe? Ich spürte die Schwielen an meiner Haut, ich drehte den Kopf und küßte das Blut vom Daumenballen. Deine Finger begannen zu zittern – kaum merklich, ein schmetterlingszartes Flattern, das ich unter meinen Lippen mehr ahnte als wirklich fühlte.

In diesem Moment begann ich, dich zu lieben. Bis dahin war es Spiel gewesen – ein wundervolles, aufregendes Abenteuer, das die Langeweile vertrieb und Spannung in das Gleichmaß meiner Tage brachte, aber doch nicht mehr eben als ein Spiel, in dem ich mir bestätigte, dass ich bekomme, was ich will. Und ich habe dich gewollt – vom ersten Tag an, als Vater dich in unser Haus brachte.

“Sei freundlich zu ihm, Kind! Er hat viel für den Staat getan, sein Wort hat im Rat Gewicht. Er kann mir nützen.” hatte Vater gesagt. Als gehorsame Tochter habe ich mir das Gähnen verkniffen, das mich immer beim Gedanken an einen Abend mit Gesprächen über Politik befällt. Vaters Ambitionen haben mir viele solcher Abende beschert und dazu eine Abneigung gegen die ihm verbündeten Politiker, die nur so lange Gesinnungsfreunde sind, wie die Gesinnung ihrem Fortkommen nicht im Wege steht.

Keiner von ihnen scheint je zu fragen, ob noch etwas außer Macht und Geld zählt. Selbst, wenn sie mir Komplimente machten oder von Liebe redeten, klang es, als ob sie mit mir als Pfand eine neue Koalition anbahnen wollten.

Vater hat nie verstanden, warum ich keinen von ihnen gewollt habe. Hätte er es verstanden, hätte er dich nicht in unser Haus gebracht, denn du warst wie das Streichholz in der Pulverfabrik.

Das erste, was ich von dir hörte, war dein Lachen. Ich stand oben an der Treppe, als Vater dich und deine Herren in die Halle führte. Er hatte irgendeine, wahrscheinlich belanglose Bemerkung gemacht, doch sie brachte dich zum Lachen. Ein leises, fast tonloses Lachen und dennoch eines, das von Selbstbewußtsein und Stolz kündete und mich neugierig machte.

Ich hatte gedacht, du müßtest ein Kerl wie ein Baum sein, die anderen um Haupteslänge überragend, mit ausladenden Schultern, mit dem Ausdruck des Siegers und geschmückt mit seiner Pracht. Ich hatte gedacht, eine Aura von Macht und Gewalt würde dich umgeben, etwas, das mich schaudern lassen würde. Doch nichts davon – als ich über das Geländer auf dich hinunter sah, war ich fast enttäuscht. Kleiner als ich gedacht hatte, älter und fast schmal, in schmucklosem Grün standest du da, einer, der nicht auffällt in der Menge. Doch dann hobst du den Kopf und sahst dich um, das Weiß deiner Augen blitzte in dem dunklen Gesicht. Du hast unsere Halle angeschaut als ob du sie stürmen müßtest – und als du mich auf der Empore erkanntest, fühlte ich mich von dir gleich mit eingenommen.

“Meine Herren …”, allein das Straffen deiner Schultern bewirkte, dass ihr Schnattern verstummte. Dein Blick zog mich wie ein Magnet, ich gehorchte mehr deinem als meinem Willen, als ich die Treppe hinunterging, auf dich zu. “Lassen Sie uns den großzügigen Gastgeber und seine schöne Tochter durch Fröhlichkeit ehren! Nichts von Politik heute abend! Wir wollen feiern und uns freuen!”

Dabei kamst du zum Fuss der Treppe und beugtest dich zur Begrüßung über meine Hand. Die Geste war von einer Grandezza, die an jedem anderen Mann geziert gewirkt hätte. Doch du warst an diesem Abend wie der Falke auf dem Hühnerhof und ich wusste nicht, ob ich dich dafür, wie du mich betrachtet hast, lieben oder hassen sollte. Hinter deiner vollendeten Höflichkeit spürte ich Amüsement, du spieltest mit den Formen und mit mir, die ich für dich nicht mehr war als ein weiteres höheres Töchterlein – viel zu blond und blaß, als dass du ihr hättest gefährlich werden wollen.

Du hast mich herausgefordert, Liebster! Du hast mit Beatrice geflirtet und es war dir egal, dass mein Vater nervös wurde. Als er besitzergreifend den Arm um sie legte, hobst du einen Mundwinkel, dein Grinsen war fast etwas gelangweilt. Doch in deinen Augen hatte für ein paar Sekunden ein Funken geglüht, deine Stimme war noch ein wenig tiefer geworden und ich wollte, dass du mich so anschaust, dass dieses samtige Streicheln deines Baritons mir gilt!

Zuerst war es ein Spiel. Diese Rose, die du mir brachtest – ein Punkt für mich. Mein Erröten und das Kichern meiner Freundinnen, als wir uns vor San Marco begegnet sind – ein Punkt für dich. Dass Vater immer noch meinte, auf Beatrice und nicht auf mich aufpassen zu müssen – ein Punkt für uns beide. Dass du mich davon abhalten konntest, die Einkäufe auf dem Markt zu überwachen, dass ich stattdessen mit dir durch den Hafen ging – einer für dich. Doch der nächste ging wieder an mich. Immerhin hast du meinetwegen deinen Adjutanten zur Sitzung in den Rat geschickt und bist in der Zeit mit mir im Garten gesessen. Und da war es nur gerecht, dass ich ein Kaninchen für dich habe schlachten lassen und dich mit unserem besten Wein bewirtete.

Den letzten Punkt habe ich gemacht, als ich deinen nächtlichen Besuch provozierte.

Zuerst war es Plänkelei. Wir saßen im Garten, Vater überließ mich deiner Gesellschaft und deinen Geschichten wie man das Kind eben beim Märchenonkel lässt. Er merkte nicht, dass mich deine Geschichten verzauberten, dass ich nachts von dir träumte, dass ich plötzlich seinen Erzählungen aus dem Rat gespannt lauschte, weil darin immer wieder von dir und deiner Bedeutung für die Stadt die Rede war. Dein Name gewann Anziehung für mich. Wenn ich über den großen Platz vor San Marco ging, lauschte ich auf das, was die Männer redeten, ich las die Verlautbarungen am Rathaus, weil ich hoffte, deinen Namen darin zu finden. Ich zitterte in der Furcht, das Datum deiner Abreise darin zu finden und atmete jedesmal erleichtert auf, wenn davon nichts erwähnt war. Ich fand Gründe, den Hafen zu besuchen und wenn ich auf der Zitadelle stand und der Wind vom Meer durch mein Haar wehte, dann sah ich dich vor mir, am Bug deines Schiffes, die Sonne und die weißen Segel schimmerten in deinem Helm. Wahrscheinlich stehst du gar nie so in Siegerpose am Bug deines Schiffes, aber so wollte ich dich sehen, so wollte ich dich träumen.

Du warst so anders als alle Männer, die ich je gekannt habe. Im Vergleich zu dir waren sie wie spielende Kinder. Sie hatten nicht deine Geschichten zu erzählen, sie wußten nichts von den Feuern, an denen du gesessen hast, nichts von den Meeren, die du befahren hast, nichts von den Schlachten, die du geschlagen hast und nichts von der Einsamkeit, die wie ein Mantel um dich lag. Aber für mich hast du ihn gelüftet, du hast mich mit darunter genommen, in deine Wärme hinein.

An diesem Nachmittag im Garten hast du nicht erzählt. Du warst so strahlend, so glücklich, so fröhlich. Du lachtest, du machtest Scherze, du hast sogar Barbary, meiner Zoffe, zugezwinkert, als sie oben mein weißes Festkleid zum Auslüften aus dem Fenster gehängt hat. Dabei hattest du wieder diesen Erobererblick – doch er galt nicht Barbary, er galt dem Fenster und dem Rosenspalier darunter. Streite nicht ab, dass du dabei an mich gedacht hast! Ich sah es dir an und es trieb einen kleinen Schauer über meinen Rücken.

Ich goß dir Wein nach, ich trank selbst einen Schluck, um mir Mut zu machen, dann sagte ich:

“Du bräuchtest keine Leiter, um die Festung zu stürmen – nur Handschuhe, um dir an den Dornen nicht die Finger blutig zu reißen.”

“Ich stürme keine venezianischen Festungen, Signorina.” Dein Lächeln war unergründlich, deine Stimme ein wenig rauh: “Ich verteidige sie!”

“Um sie zu verteidigen, mußt du sie erst einmal einnehmen!” sagte ich leise.

“Gegen den erbitterten Widerstand einer schönen Kriegerin?”

“Und ohne Hilfe durch deine Truppen!” Ich beugte mich zu dir. “Fühlst du dich dem gewachsen oder bist du ein Schreibtischstratege?”

“Man sagt…”, begannst du leise, “die Tugend der Venezianerinnen wäre so groß wie ihre Keuschheit.” Fragend hobst du eine Augenbraue.

Aus dem Haus rief mich Barbary. Im Haushalt war wieder einmal etwas zu tun. Ich stand auf, plückte eine halberblühte Rose aus dem Busch am Spalier und gab sie dir.

“Der Doge hat in seiner großen Rede nicht nur von der Tugend der Venezianerinnen gesprochen. Er hat auch behauptet, nichts und niemand könne Venedigs größtem Feldherrn widerstehen!”

Danach mußtest du kommen. Du bist zu eitel, als dass du dem hättest widerstehen können. Wir brauchten nicht weiter darüber zu reden. Ich sah es in deinen Augen und du in meinen: du hattest die Herausforderung angenommen. Als du dich verabschiedet hast, schweifte dein Blick noch einmal durch unseren Garten. Ich bin sicher: draußen, vor dem Tor, hast du die Mauer angeschaut und dir die beste Stelle gesucht, um über sie zu klettern – ohne die Hilfe deiner Truppen. Hast du, großer Stratege, etwa auch noch Vaters Sekretär bestochen? Eine Viertelstunde, nachdem du gegangen warst, kam er ins Haus und spielte mit einer Börse. Es war eine, wie sie deine Soldaten benutzen. Hast du sie ihm gegeben, dass er dich über die Gewohnheiten des Hausherrn informiert? Hast du von ihm erfahren, dass er diese Nacht bei Beatrice verbringen würde?

Es wäre nicht nötig gewesen, dass du dich versicherst. Ich wusste es. Und ich habe an diesem Abend den Dienern Geld gegeben, dass sie sich beim Stadtfest vergnügen können. Ich wusste, dass das Haus leer und wir ungestört sein würden.

Ich erwartete dich. Ich hatte mein Bett frisch beziehen lassen – das feinste Leinen, mit Rosenwasser besprengt, leuchtend wie das Weiß in deinen Augen. Ich trug ein Hemd aus Seide, es floß wie ein kühler Hauch um meinen Körper und ich fröstelte darin. Als die Tür hinter Barbary ins Schloß fiel, fürchtete ich mich. Ich hatte mich bei dir abgebrüht gegeben, ich hatte kokettiert – so wie ich es bei Beatrice oft genug erlebt hatte. Ich wollte dich und es schien mir das Mittel, dich zu bekommen. Und doch war mir bange. Mein Körper schmerzte fast vor Verlangen; wann immer du auch nur meine Hand oder meinen Arm berührtest, spannten meine Brüste und die Spitzen drängten durch den Stoff meines Kleides, dir und deinen starken Händen entgegen. Ich wollte dich; ich wollte deinen sehnigen Körper, dem man erst auf den zweiten Blick ansieht, wieviel Kraft in ihm wohnt, an dem meinen spüren; ich wollte den Geschmack deiner Haut kosten und sehen, wie das Mondlicht auf der ebenholzschwarzen Glätte deiner Muskeln schimmert. Und doch fürchtete ich mich. Ich lag in meinem Bett, in diesem Seidenhemd, die Decke bis unter das Kinn gezogen, in die Dunkelheit hineinlauschend. Ich wartete auf das leise Plätschern der Wellen gegen die Mauer, auf den Ruf eines Gondoliere, auf das Schaben, wenn das Boot am Steg anlegt. Ich wartete auf deinen Schritt, das Knirschen des Kieses unter deinen Füssen.

Doch da war nichts davon. Nur aus der Ferne der Lärm von Stimmen, von Feiernden auf dem Platz unter dem Standbild des Schützen. Rauhe, lärmende Stimmen, dazwischen das schrille Quietschen eines Mädchen und Musik, die aus einer Taverne drang.

Und dann warst du da. Obwohl ich dich so sehr erwartet hatte, hörte ich dich erst, als du mit einem geschmeidigen Satz durch das Fenster sprangst. Du sankst neben meinem Bett in die Knie, ich nahm deine Hand und ich schmeckte das Zittern und Blut, denn du hattest natürlich keine Handschuhe getragen und dich an den Dornen verletzt.

In diesem Augenblick verstand ich – nicht nur, dass du verletzbar bist, nicht nur, dass dein Blut wie meines ist, sondern auch, dass ich dich liebe. Und als ich die Schenkel spreizte und dich über mich zog, da warst du für mich nicht mehr das exotische Spielzeug, sondern meine Liebe, mein Liebster, mein Mann. Und du, der du mich mit tausend Kosenamen rufst, der du mich “Süße” und “Spätzchen” und “Liebchen” nennst, sagtest meinen Namen und “meine Frau”. Zum erstenmal nanntest du mich “meine Frau”.

Ich werde nie dein Gesicht vergessen, als du das Blut sahst. Es klebte an meinen Schenkeln und an dir und auf dem Laken und du, der du doch mehr Blut gesehen hast als für einen Menschen gut sein kann, wurdest bleich, deine Haut war grau und in deinen Augen las ich Erschrecken. Du legtest deine Hände über meine pulsierende Weiblichkeit, die immer noch meinte, dich zu umfassen und in der nur noch ein Rand von Schmerz und sehr viel von der Beglückung war, die du mir gegeben hattest.

“Himmel – was habe ich getan?” sagtest du leise. “Spätzchen, Süße, Liebste – ich wusste nicht, dass du …”

“Nur Venedigs größter Feldherr konnte diese Festung nehmen!” erinnerte ich dich.

“Du hättest es mir sagen müssen!” klagtest du. “Ich wäre vorsichtiger gewesen, sanfter …”

Ich zog dich in die Arme, ich hielt mich an deinen Schultern fest und schlang ein Bein um dich.

“Du warst wundervoll. Sei nie anders – und ich werde dich immer lieben und begehren.”

“Lieben, ehren und begehren!” korrigiertest du mich.

“Ehren?” Ich kraulte deine muskulöse Brust, ich legte meine Finger in das Grübchen unter dem Brustbein, ich entdeckte dich für mich, ich nahm dich in Besitz, wie du mich zuvor genommen hattest.

“Ehren!” bestärktest du. “So wie eine tugendhafte Venezianerin ihren Ehemann ehrt, so sollst du mich ehren wie ich dich und deine Tugend ehren werde.” Dein Mund senkte sich über mich, in den meinen hinein sagtest du: “Wußtest du nicht, dass ich meine Flagge auf den von mir eroberten Festungen setze? Und wenn sie einmal gehisst ist, kündet sie der Welt, dass diese Burg mein ist und niemand sie mir wieder nehmen wird!”

Wie konntest du denken, ich hätte deine Flagge geschändet? Wie konntest du glauben, ich hätte dich betrogen? Ich sollte dir böse sein – dafür und weil du mich geschlagen hast, weil du mich “Hure” genannt und Geld in mein Bett geworfen hast. Mein Stolz sollte es mir verbieten, danach an deiner Seite zu liegen oder mich gar – um es in deinen Worten auszudrücken – von dir belegen zu lassen. Doch was ist mir Stolz, wenn es um dich geht? Stolz könnte mich nicht wärmen, wie du es tust. Stolz könnte mein Herz nicht singen machen wie der Klang deines Lachens. Stolz würde das Blut nicht durch meine Adern rauschen lassen wie jede deiner Berührungen.

Ich habe dein Blut geschmeckt – zum zweitenmal. Du warst blind in deinem Zorn, wahnsinnig in deiner Eifersucht. Du wolltest mich verletzen, weil du verletzt warst. Und ich bin schuld daran. Ich habe es nicht geschafft, dir den Glauben an unsere Liebe zu geben. Ich glaubte an dich. Doch du hast gezweifelt. Mein starker Held, mein großer Mann – was haben sie dir getan, dass du nicht mehr glauben konntest, du seist geliebt? Wie sehr haben sie dich gedemütigt, bis du glauben konntest, du seist ein Spielzeug meiner Launen gewesen, du habest dich in mir getäuscht, in unserer Liebe?

Man hat mir gesagt, du habest einen Anfall gehabt. Du seist zusammengebrochen, zuckend und ohne Besinnung. Du hast mir nichts davon erzählt – nicht einmal vorher, als du in meinen Armen lagst. Du schämst dich deiner Schwäche und weißt nicht, dass sie es ist, die mich dich lieben lässt. Dafür hast du mich gefragt, ob ich dir verzeihe. Du hast mich gefragt, ob ich dir je wieder vertrauen könne.

Als ob ich damit aufgehört hätte! Als ob ich damit aufhören könnte. Ich liebe dich. Wenn du leidest, leide ich mit dir. Wie könnte ich dir das, was dich so sehr quälte, übelnehmen? Ich würde dich verraten, ich würde unsere Liebe verraten, wenn ich es täte.

Du hast mich gefragt, ob ich Angst vor dir gehabt habe. Ja, ich fürchtete mich. Als du kamst und mit kalten Augen wissen wolltest, ob ich zur Nacht gebetet habe, habe ich Angst gehabt. Ich hatte Angst, du würdest mich verstoßen, du würdest mich zurückschicken ins Haus meines Vaters – eben nur eine höhere Tochter, blond und blaß, deiner Liebe und deiner Leidenschaft nicht wert.

Das hätte ich dir nicht verziehen. Nicht nach dem, was zwischen uns war und ist und sein wird. Du hast mich deine “schöne Kriegerin” genannt. Ich hätte dir nicht verziehen, wenn du nicht mit mir gekämpft hättest!

Aber du hast es getan. Du hast mich angegriffen, du warst wie ein schwarzer Panther, der um sein Leben kämpft, in dem er den Gegner niederringt.

Hast du gewußt, dass ich dir gewachsen bin? Hast du es gehofft? Oder wurde es dir erst klar, als ich meine Zähne in deinen Daumenballen grub, als ich sie tief in dein Fleisch senkte und dein Blut floß? Du zogst im Reflex die Hand zurück und gabst mir damit die Chance, mich zu befreien und nach deinem Schwert zu greifen. Der kalte Stahl an deiner Kehle kühlte dich ab – endlich! Deine Augen glühten noch wie Kohle im Feuer, doch du wurdest ruhiger, als ich sprach.

Ja, ich bin deiner wert, mein Feldherr. Und jetzt, wo du es weißt, will ich gerne wieder dein Spätzchen sein, das Vögelchen, das sich an dich schmiegt und in deiner Stärke geborgen ist.

Die Lieder im Hof sind verstummt, die Feuer erloschen. Die Stadt ist schlafen gegangen, schon vor Stunden. Sie atmet so ruhig wie du, der Mond bescheint sie wie er deine Hand bescheint, die immer noch zwischen uns liegt. In unserer ersten Nacht hast du mich gewarnt: ich solle dich nie im Schlaf überraschen. Du seist zu sehr Soldat, du würdest hochschrecken und mich angreifen. Doch am Morgen schon streichelte ich über deine Schulter, ich zog mit der Fingerspitze eine Linie über deine Stirn, deine Nase, deinen Mund, dein Kinn, deinen Hals, hinunter zu deiner Brust. Ich genoss die seidige Glätte deiner Haut, den Kontrast zwischen meinem Weiß und deinem Schwarz. Du bist nicht aufgeschreckt. Du hast mich nicht angegriffen. Stattdessen hast du zufrieden geseufzt und dich geräkelt wie eine erwachende Katze.

Ich liebe es, wenn du neben mir aufwachst. Ich liebe es, wenn du mich dann in die Arme ziehst und mir einen verschlafenen, zärtlichen Gruß ins Ohr brummst. Ich liebe deinen schlafwarmen Körper an dem meinen. Morgens bist du ganz mein, nicht Venedigs großer Feldherr, sondern allein der Meine, mein Held, mein Liebster, mein Mann.

Der Morgen graut. Ich strecke den Arm und meine Finger erreichen deine Hand, ich streichele über den Verband, ich drehe mich zu dir.

“Wach auf, Othello! Wach auf, Liebster! Liebe mich noch einmal, bevor der Tag beginnt!”

© Sibylle Luise Binder 1998



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