Von Mufflons und Menschen

Das Verlangen nach einer Leberkässemmel führte mich heute zum ortsansässigen Metzger. Nicht nur hat er die besten Leberkässemmeln und die freundlichste Bedienung, er verfügt außerdem noch über ein reichhaltiges Angebot an Geschenkartikeln.

Plüsch-Mufflon

Während ich auf meine Semmel wartete, machte ich den Fehler, meinen Blick schweifen zu lassen – und er traf auf zwei Glasaugenpaare, die mich freundlich und eindringlich zu mustern schienen. Auf dem Holztisch in der Nähe des Fensters standen neben Kaffeetassen und Stövchen zwei Plüsch-Schafe mit geschwungenen Hörnchen, jedes etwa so groß wie ein Zwergschnauzer.

Die kleine, rundliche Verkäuferin reagierte geistesgegenwärtig. “Gell, die sind lieb! Und die schönen Hörner! Das sind nämlich keine Schafe, sondern Mufflons. Schaun Sie doch, das Fell und der dicke Hals, und voll waschbar sind sie auch! Wir haben selbst zwei zuhause – eines ist viel größer, das steht im Gang…”

Ich rang mit mir. Das Mufflon und die fleißige Verkäuferin hatten schon fast gewonnen. “Ich weiß nicht… ich habe schon so viele Bären zuhause, ich weiß nicht mehr, wohin damit…”

“Ach, sowas bekommt man immer noch unter… sehen Sie doch, wie nett die aussehen, und wir haben auch nur noch zwei da, es sind die letzten…” Eine andere Kundin wurde aufmerksam, und die Verkäuferin legte noch eins drauf: “Gell, die sind nett? Und kosten doch auch nicht viel! Wir haben die auch zuhause, eins steht bei uns im Gang…” Ja, das hatten wir schon.

Ich kam mir vor, als ob ich durch meinen Kauf die Rasse der Plüsch-Mufflons vor dem Aussterben bewahren müßte. Das Tierchen erwies sich als sehr griffig und knuddelig, und während ich noch in mich ging und die Stimme der Vernunft einen verzweifelten Kampf gegen die treuherzige Plüschattacke führte, ging die Verkäuferin zum Frontalangriff über: “Ich komm mal zu Ihnen rüber und zeig sie Ihnen genauer…”

Sie marschierte energisch auf mich zu und erkannte sofort, daß meine Sympathien dem linken Exemplar galten. “Gell, das schaut besonders nett! Wir haben die auch zuhause, eins steht bei uns im Gang…” Ich fragte mich, ob man ihr mal in einem Verkaufsseminar beigebracht hatte, daß stete Wiederholung den Kunden mürbe macht… auf alle Fälle war es eine hochwirksame Methode.

“Wenn das meine Mutter wüßte…” murmelte ich, der gerade bewußt wurde, daß andere Leute sowas für die eigenen Kinder kaufen – außer sie brauchen es als Dekoration für den Gang. “Ach, die braucht’s doch nicht zu erfahren!”

In meinem Gästezimmer wohnt seit heute nachmittag ein Plüsch-Mufflon.

Olivia, 8. März 1999



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