Nur mal schnell Windows 95 neu installieren …

Von Sycorax

Wo, bitte, geht’s zurück auf den Blocksberg?
Der Hexe Nahkampf mit Windows

Wissen Sie, was eine “netware-kompatible Shell” ist? Nein. Dann haben wir was gemeinsam. Ich weiß es nämlich auch nicht. Aber ich weiß wenigstens, wofür man das Ding nicht braucht – um MS Windoofs… ah, Verzeihung, Windows 95 (tm by Micky… ah, Verzeihung, Microsoft) zu betreiben. Dummerweise weiß ich das erst seit gestern und die Erkenntnis hat mich nicht nur einige Zeit, sondern noch mehr Nerven gekostet.

Angefangen hat’s ganz hamlos, damit, dass AOL nur bei circa jedem fünften Versuch ins Internet wollte. Nun betreibe ich ja gerne Telekom-Sponsoring (mein Therapeut hat übrigens gesagt, dass ich in circa einem Jahr damit rechnen könnte, die Worte “Windows”, “AOL” und “Telekom” wieder in einem Satz aussprechen zu können, ohne dabei von wildem Kichern und Zuckungen geschüttelt zu werden), aber das war mir doch etwas zuviel und so fragte ich den freundlichen Herrn von der AOL-Hotline, was man dagegen tun könne. Er wußte guten Rat: Ich solle einen Grmpft-Fiedel-Haumichwech-Adapter von der Platte putzen und neu installieren, dann müßte es wohl funktionieren.

Er hatte recht – nur ergab sich danach ein anderes Problem: Mein Windows startete nun immer mit der Fehlermeldung “Netware-kompatible Shell nicht verfügbar”. Nun, wer braucht schon eine “netware-kompatible Shell” (was immer das auch sein mag)? Ich nicht. Zudem bin ich altgediente Windows-Veteranin und insofern schon gewöhnt, dass dem Programm was fehlt (zum Beispiel Sicherheit und Benutzerfreundlichkeit). Ich fütterte ihm also das übliche Aspirin (sprich: drückte irgendeine Taste) und beschloß, die Abwesenheit der”netware-kompatiblen Shell” (was immer das auch sein mag) zu ignorieren.

Dumm nur, dass mein Windows anschließend unter Alzheimer zu leiden begann. Die Option “Paßwort speichern” bei der DFÜ-Verbindung war gesperrt, der einmal auf “High Quality” gesetzte Drucker wollte nun immer wieder zu Fuß auf Economy zurückgesetzt werden.

Damit kann man leben? Das hätten Sie mir mal gestern sagen sollen. Gestern meinte ich nämlich in einem Anfall von akutem Optimismus und übersteigertem Computer-User-Selbstbewußtsein, ich müsse es endlich schaffen, diese Fehlermeldung außer Kraft zu setzen, indem ich (ja, ich bin eine Frau – und offenkundig manchmal blond im Geiste) Windows neu installiere.

Sie wissen, wie das geht? Man legt die CD ins Laufwerk, drückt auf Setup und harrt der Dinge, die da kommen. In meinem Fall war’s die Meldung, dass Datei tralala-hopsassa.grmp in einer Version auf der Platte sei, die älter wäre als die Version auf der CD (mein Dank an die Firma Peacock, die offenkundig eine Windows-Version vorinstalliert hat, die nicht mit der auf der mit dem Computer gelieferten CD übereinstimmte).

Windows fragte freundlich: “Wollen Sie die Datei behalten oder ersetzen?” Ich wollte behalten – von der irren Hoffnung bewegt, dass ich dadurch meine vorhandene Konfiguration retten könne.

Ja, Sie haben recht: Ich hätte besser ein Süppchen aus Krötenaugen und Froschbeinen mit zarter Spinnwebauflage kochen und damit meinen Prospero verwöhnen sollen. Aber ich wollte eben …

Lassen wir das, kehren wir zurück zur Windows-Installation. Die war nach einer halben Stunde beendet. Wohlgemut und immer noch optimistisch schaltete ich den Computer aus und wieder ein. Er war sehr kommunikativ. Er erzählte mir nämlich, dass die Konfigurationsdatei Blubs einen Schuß habe und nicht reparabel sei. “Drücken Sie eine Taste”. Ich drückte – und erfuhr: Konfigurationsdatei Blah ging’s nicht besser als ihrem Bruder Blubs. Ich drückte wieder eine Taste – und nachdem ich die Operation ungefähr fünfmal wiederholt hatte, befand mein gequälter Computer, dass es nun aber genug sei, verzog sich in seine Schmollecke und schaltete ab.

Niemand kann sagen, ich hätte kein Verständnis für meinen Computer. Ich streichelte ihm sanft über die Vorderfront und begab mich dann auf die Suche nach den berühmten Startdisketten, die ich dermaleinst (einer Windows-Anweisung folgend) erstellt hatte. Diskette ins Laufwerk, Neustart – juhu, da war sie wieder, meine gute, alte DOS-Oberfläche (lange nicht gesehen) und mit ihr das Angebot, Windows neu zu installieren.

Wer könnte einer solch verführerischen Offerte widerstehen? Ich nicht, darum drückte ich wohlgemut auf die Enter-Taste. Mein Computer überlegte einen Moment, dann meldete er (in beleidigter DOS-Schrift), er könne Windows nicht installieren, er habe schon ein Betriebssystem.

Nun, darüber konnte man geteilter Meinung sein. Ich jedenfalls beschloß, meine erstmal mit Cesario zu teilen. Abgesehen davon, dass er Informatiker ist, hat er Nerven wie breite Nudeln und ist gut darin, telefonisch Hexen-Händchen zu halten. Gemeinsam waren wir schon immer unausstehlich und so gelang es uns – nach einigen Verrenkungen und Tricks – in der nächsten halben Stunde, ein paar von den Fehlermeldungen zu beseitigen und Windows tatsächlich zum Start zu überreden.

Dumm war nur: Maus, Modem, Soundkarte und Drucker kannte mein geliebtes Betriebssystem nicht mehr. An der Stelle erwies sich dann, dass Cesario mir gegenüber einen Vorteil hat: Er ist blind. Er kennt die Tastaturkommandos für Windows. So schafften wir es denn, die Maus zur Kooperation zu überreden und mit ihr die DFÜ-Verbindung anzuklicken, worauf wir erfuhren, dass das Modem von einem anderen Programm benutzt wird (welchem, bitte? Es lief sonst keines).

Nach heftigem Grübeln meinte Cesario: “Das bringt es nicht – lass uns doch Windows noch mal neu installieren.” Und gemeinsam fiel uns dann auch ein, wie wir dazu kommen könnten: In dem wir das Windows-Verzeichnis schreddern. “Deltree windows” war schnell getippt, doch dann begann das große Warten. Die Platte rödelte und rödelte (Cesario ging, sich einen Sprudel zu holen, ich dachte mal wieder über neue Suppenrezepte nach. Vielleicht zur Abwechslung mal Schimmelpilz- statt Krötenschleimcreme?) und als sie nach einer halben Stunde immer noch rödelte, streichelte ich mit hinterlistigem Lächeln meinen Computer, bis ich den Ausschaltknopf erreicht hatte und drückte ihn überfallartig.

Ein fröhliches “Reset” brachte uns mal wieder zur berühmten DOS-Oberfläche, woselbst wir (sind wir nicht tricky?) erst den CD-ROM-Treiber luden und dann (hähä, das wäre doch gelacht, wenn wir den Computer nicht bezwingen) zu Fuß ins Windows-Verzeichnis marschierten, um noch ein paar Dateien in den Orkus zu schicken.

Wußten Sie, dass Windows eine ganze Menge versteckter Verzeichnisse hat? Ich wußte es nicht, um so mehr freute ich mich, darin rund 300 Megabyte überflüssigen Internet-Müll zu entdecken und zu vernichten (Beileidsbekundungen wegen der Sehnenscheidenentzündung, unter der ich nun kranke, an die bekannte Adresse. Außerdem hätte ich gerne ein Telefon mit besserem Mikrophon, damit ich mir das nächstemal nicht wieder den Hörer unter’s Ohr klemmen und so tippen muß). So weit gediehen, konnten wir mal wieder an eine Neu-Installation gehen.

Doch wer nun denkt, alles wäre in Butter gewesen, kennt Mickysofts “benutzerfreundliches Betriebssystem” schlecht. Wenn sich das schrottet, dann gründlich und mit Verve. So hatte ich erstmal nur einen “Minimalbildschirm” mit Minimalauflösung. Nach mühsamer Installation diverser Treiber löste er dann besser auf – aber dafür sind jetzt die Symbole und Schriften richtige Augenpülverchen (naja, ich wollte mir schon länger einen 17″ Monitor kaufen. Vielleicht ist das ja jetzt die Gelegenheit). Außerdem gibt’s keinen Sound mehr – Windoofs findet zwar eine Soundkarte, aber nicht den Treiber dazu (mein Dank an Peacock für seine Installations-CD, die offenkundig “windowskompatibel” buggy ist).

Dass mein Word abgeseiert ist und ich nur noch ein paar popelige Fonts habe, zählt wahrscheinlich noch zu den kleineren Problemen (apropos: Im Netz gibt’s viele Fonts – total abgefahrene. Aber sowas wie eine normale Futura gibt’s nicht). Immerhin habe ich auch positive Überraschungen erlebt: Mein Pegasus kam beim ersten Versuch wieder hoch, hatte seine Konfiguration immer noch undd wollte nur ein bisschen seine Fensterchen neu sortiert haben. Compuserve schrie nach seiner CD, fand dann aber offenkundig seine Konfig wieder und läuft auch problemlos. Zu meinem völligen Erstaunen lädt auch der Netscape – allerdings verschluckt er sich wegen Mangel an “dlls” (nein, Prospero, das kann man nicht essen), weswegen ich ihn jetzt gerade seine neueste Version aus dem Netz ziehen lasse (15 MB, dauert ungefähr ‘ne Stunde – da weiß man wenigstens, warum die Telefonrechnung wieder so teuer ausfallen wird), damit ich ihn neu installieren kann.

Abgesehen davon, geht’s mir gut – immerhin schreit mein Windows jetzt nicht mehr nach einer “netware-kompatiblen Shell” (was immer das sein mag). Und damit, dass es sich seine Paßworte nicht merken kann, kann ich leben – wirklich. Es sei denn, jemand macht mir einen guten Vorschlag, wie ich das wieder hinkriegen könnte. Mein Therapeut sagt, in ungefähr ein, zwei Jahren dürfte ich soweit sein, eine Windows-CD in die Hand nehmen zu können, ohne in einen Schreikrampf auszubrechen. Wenn Sie bis dahin mal von sich hören lassen würden?

Sycorax, 10. März 1999



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