Nachtflug

Er sah, wie das Telefon blinkte, nahm sich aber die Zeit, vorher noch eine neue Platte einzucuen. Wenn der erste Titel gelaufen war, brauchte er nur einen Regler hochzuziehen, den Rest erledigte die Technik.

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Er hatte nichts gegen Telefonanrufe in der Sendung. Nachdem er außer der Uhrzeit nicht viel zu sagen hatte und völlig allein im Studio war, brachten sie eine willkommene Abwechslung mit sich. Er brauchte dieses Feedback, diese Versicherung, daß da draußen tatsächlich Leute waren, die ihm zuhörten. Er hoffte nur, daß es nicht wieder dieser aufdringliche Kerl war, der ihn schon genervt hatte, als er noch bei Radio 5 angestellt gewesen war. Er schien es auf ihn persönlich abgesehen zu haben. Jedesmal krittelte er an seinem Programm herum, und jedesmal verwies Steve ihn auf die Wunschsendung am Sonntagmittag und gab sich beschäftigt, um einhängen zu können. Er wußte, daß der andere einsam war und Probleme hatte. Die meisten, die um diese Zeit, nach Mitternacht, anriefen, hatten Probleme. Aber er war als DJ angestellt und nicht als Seelendoktor, und ihm fehlte die Psychologie, um angemessen auf solche Leute eingehen zu können. Er war selbst erst vierundzwanzig, wo sollten die Ratschläge herkommen? Er verstreute ein paar nette Worte, und wenn die Anrufer zu hartnäckig wurden, blockte er ab. Mit den meisten verfuhr er so. Er mußte Grenzen ziehen. Das Telefon blinkte immer noch. Er nahm endlich den Hörer ab.

“Hi, Steve hier”, sagte er, in seinem üblichen angenehmen Tonfall, der ihm so viele Sympathien eintrug und der ihm ein so selbstverständliches Werkzeug war wie die Routine, mit der er sein Einmannstudio fuhr. Die Ähnlichkeit mit einem Cockpit war nicht weit hergeholt, auch ohne den Schleudersitz, den sie als Gag installiert hatten. Und wenn man so wollte, flog er ja tatsächlich, auf Radiowellen schneller als jeder Jet.

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“Hallo”, sagte die Stimme am anderen Ende. “Warum spielst du nie ‘Life on Mars’ von David Bowie?” Sie brauchte ihren Namen gar nicht zu nennen. Seit einer Woche löcherte sie ihn damit, jedesmal hatte er es versprochen und doch wieder vergessen. Warum, hätte er selbst nicht so genau sagen können. Er hatte sein Programm im Kopf, und er hatte keine Lust, zwischendrin in die Redaktion hinaufzugehen und die Platte herauszusuchen. Und nach der Sendung dachte er immer nicht mehr daran.

“Entschuldige”, sagte er. “Ich werde versuchen, endlich daran zu denken.” Er mochte ihre Stimme. Sie war sehr melodisch und klangvoll, als ob sie sie trainiert hätte. Vermutlich hätte sie sich auch am Mikro gut gemacht, aber die Möglichkeiten, ins Geschäft einzusteigen, waren nicht mehr so breitgefächert wie noch vor zwei Jahren. Wer keine einschlägigen Erfahrungen vorweisen konnte, war nicht gefragt. Die Auswahl war mittlerweile zu groß, gerade jetzt, wo wieder ein Sender den Betrieb eingestellt hatte und eine ganze Belegschaft auf der Straße stand.

“Vergiß es”, sagte sie. “Ich werde euch nie verstehen. Warum sagst du nicht einfach gleich, daß es nicht geht? Dann müßte ich nicht jedesmal vergeblich darauf warten. Wißt ihr nicht, wie wichtig ihr für die Menschen sein könnt, die euch zuhören? Ihr sitzt in unseren Zimmern, unseren Ohren, ihr habt direkten Zugang zu unseren Köpfen, und wir lieben euch, weil eure Stimmen so viel Wärme verbreiten, wir lieben eure Sprüche, auch wenn es immer die gleichen sind, und noch mehr lieben wir eure Versprecher, die uns beweisen, daß ihr auch nur Menschen seid.”

Steve war sich dessen bewußt. Genau das faszinierte ihn ja an seinem Beruf, und dafür hatte er auch nur zu gern seinen Job in der Disco aufgegeben. Er wußte genau, daß diese körperlose Stimme im Radio etwas Rätselhaftes und Faszinierendes ausstrahlte, denn die meisten wußten ja nicht, wer sich dahinter verbarg. Dieses Inkognito gab ihm bis zu einem gewissen Grad Narrenfreiheit. Vor einem sichtbaren Publikum wären ihm die lockeren Sprüche nie so glatt über die Zunge gegangen. Aber was er genau in seinen Zuhörern weckte, wußte er nicht. Wenn er gut sein wollte, mußte er sie lieben und dieses Gefühl auch über Sender vermitteln. Und das war eine Gratwanderung, denn es gab genügend Menschen auf der anderen Seite, die das viel zu persönlich nahmen. Natürlich war er nett zu ihnen. Das war sein Beruf. Aber für ihn waren sie austauschbar. Wenn er den Sender verließ, schaltete er ab und vergaß sie. Sonst hätten sie ihn vereinnahmt und bis in seine Träume verfolgt. Er durfte sie nicht zu wichtig nehmen.

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Manche freilich versetzten ihn mit ihrem Witz und ihrer Schlagfertigkeit in Erstaunen. Er hatte in der Vergangenheit schon des öfteren Publikumssendungen gemacht, Telefonaktionen, und manche Gesprächspartner waren so gut, daß sie sich gegenseitig aufschaukelten und wahre Sternstunden an öffentlicher Unterhaltung zustandebrachten. Er erinnerte sich an eine Kontaktsendung, in der er am Ende Dinge von sich verraten hatte, von denen er nie gedacht hätte, daß er sie über Sender würde bringen können. Aber es gab Leute, die waren einfach unwiderstehlich, und dann tat es ihm leid zu hören, daß sie in bedeutungslosen Positionen vor sich hindämmerten.

Zu den Schlagfertigen schien diese Miriam, die er jetzt am Apparat hatte, freilich nicht zu gehören. Verschüchtert war sie aber auch nicht, eher sehr nachdenklich, so nachdenklich, daß er anfing, gegen ein ehernes Prinzip zu verstoßen und sich Sorgen zu machen.

“Wartest du mal einen Moment”, sagte er, “die Platte ist zu Ende”. Routiniert fuhr er einen Jingle ab, blendete die nächste Platte ein und nahm die andere herunter. Dann legte er gleich die nächste auf, einen Achtminutentitel, der ihm genug Zeit zum Sprechen lassen würde. Er durfte nur die Werbung nicht vergessen, die mußte noch vor eins laufen. “So, jetzt bin ich wieder da”, sagte er. Er wußte nicht recht, was er noch sagen sollte, aber sie kam ihm zuvor. “Wie sieht es eigentlich bei dir aus?” fragte sie.

“Wie stellst du es dir denn vor?” fragte er zurück. Er liebte diese Gegenfrage, weil die Antworten immer im gleichen krassen Gegensatz zur Wirklichkeit standen.

“Ziemlich groß”, sagte sie denn auch. “Du sitzt irgendwo im ersten Stock mit deiner Anlage, in einem größeren Raum, damit genug Platz für Studiogäste ist. Die Einrichtung ist ziemlich futuristisch, mit viel Metall und Plexiglas. Und nebenan in der Redaktion sitzen noch welche und arbeiten an den Nachrichten für den nächsten Tag. Vielleicht hast du sogar gerade Leute im Studio…” Er mußte lächeln. Genau was er gedacht hatte. Immer, wenn er tatsächlich Studiogäste hatte, waren sie als erstes enttäuscht darüber, wie klein alles war. Die Größenordnungen mußten sie von den Öffentlich-Rechtlichen und den Fernsehstudios herhaben, die hatten in der Regel auch viel aufwendigere Anlagen, die wirklich nur noch von erfahrenen Technikern bedient werden konnten. Aber das brauchte ein kleiner, privater Sender nicht.

“Stell dir einen Hinterhof vor”, erklärte er. “Da ist ein Wohnhaus, ein paar Kellerräume und eine bessere Baracke. Über diesen Komplex verteilen sich die Büros und die Redaktionsräume, alle ziemlich klein und nicht besonders spektakulär. Und in der Baracke sitzt einsam und verlassen ein Mensch in einem fensterlosen Raum, der nicht größer als dein Zimmer sein dürfte. Die Wände sind mit weißgelben Isolierplatten bedeckt, der Raum ist mit einer hufeisenförmigen Studioanlage fast völlig ausgefüllt, an der Wand hängen die Kästen mit den Jingle-Bändern. Dann sind da noch zwei Stühle, ein kleiner angebauter Tisch mit zwei Mikrofonen für die Gäste, ein geschmackloser Teppichboden, direkt vor mir eine Glasscheibe, die den Blick ins Aufnahmestudio freigibt. Mehr ist nicht.”

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Schweigen. Das mußte sie erst einmal verdauen. Er ahnte, wie sie sich das alles vorgestellt hatte, ungefähr genauso geschäftig wie die Kommandozentrale eines futuristischen Raumschiffes. Er begriff nur nicht, warum. Man brauchte nicht viel Platz, um Radio zu machen. Jeder Quadratmeter zuviel kostete nur unnötig Geld, und das konnten sie sich bei den Mieten nicht leisten. Sie hatten genug damit zu tun, aus den roten Zahlen herauszukommen. Er begriff sowieso nicht, woher sie das Geld für ihre aufwendigen Werbeaktionen nahmen. Das war zwar Aufgabe der Marketingabteilung, aber letztlich hing auch sein Job davon ab. Er warf einen prüfenden Blick auf die Platte. Sie würde noch etwa anderthalb Minuten reichen, dann mußte er die nächste anfahren, die lange. Er mochte ‘Left to my own devices’. Der Titel war lange nicht mehr gespielt worden, lange genug, daß man ihn sich wieder anhören konnnte.

“Du bist ganz allein?” fragte sie jetzt, und er konnte ihre Verwunderung durch das Telefon spüren. Er sah sie förmlich vor sich, auch wenn er keine genaue Vorstellung von ihrem Gesicht hatte. Aber den Ausdruck darin konnte er sich denken.

“Ganz allein”, bestätigte er. “Ich habe nicht einmal Besuch. In zweieinhalb Stunden kommt die Ablösung. Bis dahin sitze ich in meinem kleinen Gefängnis und höre nichts außer meiner Musik und meiner eigenen Stimme. Kein Mensch da, alles wie ausgestorben.” “Und wie hältst du das aus?” fragte sie. “Nicht mal für ein paar Minuten verschwinden können, keine Ansprache, und überall dieses elektrische Licht, dieses ungemütliche?” “O, ich kann es abdrehen”, meinte Steve grinsend. “Mein Plattenspieler hat eine eigene Beleuchtung. Es schaut dann recht gemütlich aus, fast wie in einem Flugzeug. Ich mache es nur nicht, weil ich dabei nicht wachbleiben kann. Und wenn ich euch da draußen wach und munter durch die Nacht bringen soll, darf ich schließlich nicht am Mikro einpennen.” “Du trinkst Kaffee, oder?” stellte sie fest. Es war banal, aber es stimmte. Im Nebenraum hatten sie eine prächtige Kaffeemaschine stehen, eine geniale Erfindung mit integrierter Zweiliterthermoskanne, die den Inhalt bis zu acht Stunden warmhielt. Radioarbeit war der beste Weg, kaffee- und zigarettensüchtig zu werden.

“Ja”, sagte er einfach. “Warte einen Moment.” Die Platte war zu Ende. Er fuhr den nächsten Regler hoch. Acht Minuten. Danach mußte er die Werbung bringen, und als nächstes vielleicht eine CD. Er legte die Silberscheibe ein und drehte am Gerät herum, während er gleichzeitig das Gespräch wieder aufnahm. Er überlegte, ob er ihr anbieten sollte, vorbeizukommen, aber er wußte nicht, was er mit ihr anfangen sollte, wenn sie tatsächlich kam. Entweder würde sie ihn pausenlos ausfragen wollen, oder sie saß stumm da, was auch nicht besser war. Aber zum ersten Mal war er auch nicht imstande, die übliche Floskel zu finden und einfach aufzulegen. Ihm wurde plötzlich bewußt, wie einsam er tatsächlich dasaß. Er hatte nicht einmal eine Stimme im Zimmer. Er hatte nur sich selbst. Er konnte jetzt nicht auflegen.

“Machst du diese Nachtsendungen gern?” fragte sie jetzt. “Würdest du nicht lieber am Tag senden?”

Was sollte er darauf antworten? Daß er im Moment keine Aussichten hatte, etwas anderes zu machen? Im Prinzip hatte ihn das bisher ja auch nicht gestört. Er mochte seine Nachtflüge, wie er sie nannte. Manchmal, wenn er sich ausgeruht fühlte, drehte er tatsächlich das Licht ab. Dann sah er nur noch die Plattenteller mit ihrer matten Eigenbeleuchtung und die roten Dioden des Pegelmonitors und fühlte sich wohl in der Dunkelheit.

“Es ist eine ganz eigene Stimmung”, sagte er versonnen. “Irgendwie unwirklich, wenn du verstehst, was ich meine.” Meine Güte, was erzählte er da nur? Er kannte sie nicht, er wußte nicht, wer sie war, und er durfte ihr nicht so viel verraten.

“Unwirklich”, wiederholte sie langsam. “Das trifft es sehr gut. Alles ist nicht echt, irgendwo nur Theater, nicht wahr? Alle spielen sie nur ihre Rollen. Und sie haben große Angst davor, sich zu offenbaren. Sie lächeln, aber sie denken nicht mehr darüber nach. Sie wissen nicht mehr, daß sie lächeln. Und ihr seid auch nicht anders. Ihr seid auch nur eine Illusion. Ich weiß nie, wieviel ich euch glauben soll. Ich weiß nie, wieviel von dem, was ihr erzählt, wahr ist. Ich weiß nicht, woran ich mich halten soll. Alles bricht zusammen.” Da war ein ungutes Gefühl. Er war sich nicht sicher, aber plötzlich hielt er es für einen großen Fehler, ihr Lied nie gespielt zu haben. Er wußte nicht genau, was in ihr vorging. Von sich konnte er nicht ausgehen. Sein Leben war so gut arrangiert, daß es für Zweifel und Ratlosigkeit nicht viel Gelegenheit ließ. Das einzige Problem, mit dem er dann und wann zu kämpfen hatte, war Langeweile durch Übersättigung. Aber mit ihr stimmte irgendetwas nicht. Es gab viele Spinner, die bei ihm anriefen und eine Menge Unsinn von sich gaben. An sie verschwendete er keinen Gedanken. Aber das hier war anders.

“Was machst du?” fragte er. “Wovon lebst du?”

“Ich studiere”, sagte sie. “Fünftes Semester Literaturwissenschaft, Nebenfach Musik. Ich habe mir mal eingebildet, ich könnte in den Journalismus einsteigen. Aber dafür bin ich nicht abgebrüht genug. Ich weiß nicht mehr, wofür ich das alles mache. Ich gehe morgens aus dem Haus und merke nicht, daß die Sonne scheint. Manchmal stehe ich gar nicht erst auf. Und dann habe ich Alpträume, in denen ich in einem dunklen Zimmer stehe, das Licht anmache und es nicht hell werden will. Ich weiß genau, daß ich es angemacht habe, aber die Lampe leuchtet nur ganz matt, und ich stehe in einem Zwielicht da, das mir Angst macht. Ich habe eine Hundertwattbirne in meine Lampe geschraubt, aber ich werde diesen Eindruck nicht los. Ich fürchte mich vor dem Einschlafen, aber ich kann auch nicht wachbleiben.”

“Hast du Freunde?” fragte er. “Ich meine, richtige Freunde, nicht bloß so ein paar Leute, die man ab und zu mal trifft, mit denen man sich amüsiert und denen man eigentlich nichts mehr zu sagen hat?” Damit umriß er seine eigene Situation. Aber das brauchte sie nicht zu wissen. Er kam damit zurecht. Er hatte sich damit abgefunden. Er konnte die Nacht ertragen. “Eine Freundin”, sagte sie. “Aber die kann mir nicht mehr weiterhelfen. Der geht es auch nicht besser.” Verdammt, dachte er. Gibt es in dieser Stadt eigentlich nur noch Fälle für den Psychiater? Es muß daran liegen, daß sie ständig dieses Bild vom glücklichen, erfolgsverwöhnten, gutaussehenden, zielstrebigen Großstadtmenschen vermittelt bekommen, der grundsätzlich alles kriegt, was er sich in den Kopf setzt. Aber wir können nicht alle die Stars sein. Selbst ich weiß nicht, wie lang ich das noch durchhalte. Sie können mich jederzeit absägen. Und dann stehe ich da. Nichts mehr. Ohne meine Show, wer bin ich da noch? Ich habe mich schon zu sehr daran gewöhnt. Und die Wünsche gehen immer weiter.

“Komm vorbei”, sagte er plötzlich. “Heute noch. Sofort. Ich will, daß du vorbeikommst. Der Sender ist in der Humboldtstraße, Nummmer zweiunddreißig. Wohnst du in der Stadt?” “Im Zentrum, ja”, sagte sie. Ihr Tonfall gefiel ihm nicht. Ausgerechnet jetzt mußte der Titel zu Ende gehen. “Sekunde.” Er legte den Hörer beiseite, setzte die Kopfhörer auf, fuhr die Werbung ab. Kostbare Sekunden. Er konnte es sich nicht leisten, zwischendrin die Kopfhörer abzunehmen. Der Spot dauerte immerhin zwanzig Sekunden, unerträglich lang in dieser Situation. Er war sich ziemlich sicher, daß sie auf der Kippe stand. Vielleicht hatte sie nur eine Flasche neben sich stehen, vielleicht aber auch schlimmer. Er wollte es nicht darauf ankommen lassen.

Endlich, er konnte den nächsten Titel laufen lassen. Das Band war durchgelaufen und klickte, der rote Schalter am Gerät leuchtete auf. Er kümmerte sich nicht darum.

“Hallo?” fragte er angespannt in den Hörer. “Bist du noch da?” Das Freizeichen. Sie hatte aufgelegt. Er hätte sich jetzt ohrfeigen können dafür, daß er in dem Moment noch an seinen Sendeplan hatte denken können. Aber er hatte in der Vergangenheit schon zu viel Ärger wegen derlei Unregelmäßigkeiten bekommen. Steve dachte nach. Er hatte nicht viel Zeit, aber er wußte zufällig, nach welcher Platte er suchen mußte. Sie hatten sie vor kurzem erst angeschafft. Er kannte das Stück und fand es nicht schlecht, aber so gut nun auch wieder nicht, daß er es von sich aus gespielt hätte. Wenn die Musikredaktion nicht abgesperrt war, konnte er es schaffen. Er schälte sich aus dem Sessel, verließ das Studio, durchquerte den Nachrichtenraum, rannte nach oben, zwei Treppen, fand die Tür unverschlossen, suchte, fand die Platte nicht an ihrem Platz. Aus.

Er wollte schon gehen, als sein Blick auf den Schreibtisch fiel, und da lag sie. Merkwürdig. Sonst hatte sich nie einer dafür interessiert. Egal, er hatte nicht mehr viel Zeit. Nichts wie runter damit! Er schaffte es gerade noch. Es reichte sogar für eine Moderation. “In einer halben Minute ist es ein Uhr”, begann er, “und ihr hört das Nachtprogramm von Radio Skyline. Und jetzt was für die Miriam, mit einem kleinen Tip von mir: Oft ist manches nicht so schön, wie man sich das so vorgestellt hat. Aber dieser Spruch funktioniert auch in umgekehrter Richtung.” Er blendete sich aus, zog die Musik hoch und legte den Kopfhörer beiseite. Mehr konnte er im Moment nicht tun. Er hatte keine Möglichkeit, sie zu erreichen. Er mußte hoffen, daß sie sich von selbst wieder meldete. Er fixierte angestrengt das Telefon, und tatsächlich, da blinkte es. Er hob sofort ab, zum ersten Mal seit seiner Feuertaufe als Moderator wieder aufgeregt.

“Hi, Steve”, sagte eine launige Stimme am anderen Ende. Es war nicht sie. Es war der, von dem er gehofft hatte, daß er nie mehr anrufen würde, sein permanenter Kritiker.

“Hi”, sagte er unwirsch. “Du, tut mir leid, aber ich kann jetzt nicht.” “Aber eben konntest du!” beschwerte sich der andere. “Hör zu”, begann Steve entnervt, “fang mir nicht so an. Das war ein Sonderfall, und ich hatte meine Gründe. Ich kann das nicht zur Regel machen. Wenn du unbedingt dein eigenes Programm haben willst, dann bewirb dich, vielleicht hast du Glück und kriegst meine Stelle. Ich kann jetzt wirklich nicht.” Damit legte er auf.

Er drehte die Monitorboxen lauter und das Licht ab. Was hatte er da eben gesagt? Seine Stelle? Das konnte doch nicht sein Ernst gewesen sein. Er durfte jetzt nicht die Kontrolle verlieren und abstürzen. Er war schließlich nicht verantwortlich für Miriams Zustand. Ihr Leben war nicht sein Problem. Aber irgendwie hatte er Schwierigkeiten damit, das zu glauben. Er wußte nur, daß er keine Ruhe finden würde, solange er nichts mehr von ihr hörte. Vielleicht rief sie an. Vielleicht kam sie sogar noch vorbei. Vielleicht irrte er sich auch nur, und sie war einfach zu Bett gegangen. Er wußte es nicht. Er wußte nur, daß er jetzt gern Gesellschaft gehabt hätte. Und daß er alles daransetzen würde, um wieder eine Tagessendung zu bekommen. Er mußte aufhören mit diesen Nachtflügen. Menschen wie Miriam würde es deshalb weiterhin geben. Aber seine Schuld würde es dann wenigstens nicht sein. Schuld? Was war das jetzt wieder für ein Unsinn? Wieso seine Schuld? Sie hatten ihr Leben doch in der Hand. Wäre denn alles besser, wenn es ihn nicht gäbe, Radio, Fernsehen, Bücher, Illusionen, Hoffnungen? Würde das wirklich etwas ändern? Ein Ausdruck aus Goethes “Die Leiden des jungen Werther” fiel ihm ein: Die Welt sei wie ein lackiertes Bildchen, in dem die Männchen und Gäulchen herumrückten… Eines der wenigen Dinge, die sich aus seiner Schulzeit in seinen Kopf eingegraben hatten, obwohl es auf ihn nicht zutraf. Er hatte bei den Menschen bisher immer erreicht, was er wollte. Er spielte gern mit der Welt. Das war seine Stärke. Aber plötzlich erreichte ihn auch der Ruf der Verantwortung.

Das Telefon schwieg. Die Platte war bald zu Ende. Er mußte weiterarbeiten. Jetzt war er froh, daß er nicht reden mußte.

© Olivia Adler 1988/92



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