Ein Ex-Kakanier in New York:
Tales from the Big Apple
G’schichten aus dem Großen Apfel
New York, November 1998
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Der erste Abend: Mozarts “Le nozze di Figaro”
Was kann man im November anders tun als sich der Kultur zu widmen? Ich tat’s letztes Jahr, in dem ich mich für vier – kulturell gut gefüllte – Tage nach New York begab. Anlass der Reise war zuerst einmal, Bryn Terfel und Cecilia Bartoli in Jonathan Millers neuer Einstudierung der Oper “Le nozze di Figaro” an der Metropolitan Opera zu sehen. So beginne ich also meine Reportage mit meinen Eindrücken von dieser Aufführung.
Der Abend war schön – trotz Jonathan Millers Regie (oder vielleicht eher dem Mangel daran?). Ich jedenfalls hatte ständig den Eindruck, dass die Sänger mehr oder weniger frei waren, so zu spielen, wie es ihnen eben einfiel. Diese Methode ist mit Künstlern wie Bryn Terfel und Cecilia Bartoli, die auch gute Schauspieler sind, sehr wirksam, andere Mitglieder der Besetzung aber wirkten manchmal etwas verloren.
Dort, wo Jonathan Millers Führung erkennbar war, ging es oft gegen den Sinn des Drama und der Musik. So zum Beispiel während der orchestralen Einführung zu der Gräfin Arie “Porgi amor” im zweiten Akt. Da erschienen plötzlich zwei Kinder, von der Gouvernante begleitet, verschwanden dann aber wieder (und rechtzeitig), bevor die Gräfin zu singen begann. Wer Beaumarchais’ Figaro-Trilogie nicht kennt, kann diese Szene nicht verstehen, wer ja, erkennt vielleicht eine Andeutung an “La mere coupable”, das letzte Drama der Trilogie. Als aber Mozart “Le nozze” komponierte, hatte Beaumarchais noch kein Wort aus der “Mere coupable” geschrieben, er hatte es wahrscheinlich noch nicht mal geplant. Diese Andeutung ist also dramatisch sinnlos. Was mich aber noch mehr störte, ist die Tatsache, dass Millers Addition musikalisch einfach widersinnlich ist: “Porgi amor” ist der Gräfin erster Auftritt, hier stellt sie sich und ihre Lage vor, und die relativ lange Einführung der Arie definiert ihr Befinden: Sie fühlt sich verlassen und einsam. Jedwede Bühnentätigkeit kann hier nur ablenkend wirken.
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Das Bühnenbild war bar und kalt, bildete aber einen guten Hintergrund für die Kostüme. Der letzte Akt spielte sich in einem Hof statt in einem Park, von “i pini dei boschetti” oder anderen Bäumen war keine Spur zu sehen. Das stellte natürlich die Glaubwürdigkeit des Verstecksspiels in Frage. Die Tatsache, dass die Aufführung an dem Abend für eine Fernsehübertragung aufgenommen wurde, und deswegen die Beleuchtung ganz hell war, half auch nicht. Es ist schon bei lauschiger Beleuchtung im Park schwer zu glauben, dass Figaro und Graf Almaviva Susanna und die Gräfin in ihren Verkleidungen nicht sofort erkennen; im grellen TV-Licht konnte man dann nur überlegen, ob die Beiden vielleicht von den Scheinwerfern geblendet waren. Dasselbe muß ihren Damen widerfahren sein, denn in diesem Hof gab es wirklich keine Möglichkeit, sich zu verstecken.
Die Bühne war von Bryn Terfel völlig dominiert, und ich meine das nicht in einem negativen Sinne: Seine vokale und schauspielerische Präsenz, und seine Identifizierung mit der Rolle ist so vollkommen, dass er natürlicher Weise dominierend wirkt. In “Se vuol balare” und “Non piu andrai”, variierte er die da capo Sektionen, so dass er deren Sarkasmus steigerte. Für mich ist er beste Figaro, den ich je auf der Bühne sah.
In Cecilia Bartoli fand er eine ihm gewachsene Susanna – ihre Präsenz war wie Quecksilber, ihre Stimme, die für den Saal der Metropolitan Opera vielleicht nicht groß genug ist, ausgezeichnet projektiert und perfekt kontrolliert, ihre Hingabe total. Meine einzige Kritik ist ihr (und James Levines) Entscheidung, an dem Abend statt “Venite inginochiatevi” im 2. Akt, und “Deh vieni” im letzten, zwei Arien aufzuführen, die Mozart anläßlich der Neüinstudierung in 1789 für Adriana Ferrarese komponierte. “Un motto di gioia” ist eigentlich kein schlechter Ersatz fur “Venite…”, aber mit “Al desio” statt “Deh vieni” wurde ein ernster Fehler begangen (manche meiner Bekannten gebrauchten in diesem Zusammenhang sogar das Wort “Verbrechen”). Cecilia Bartoli tat zwar ihr Bestes, diese Schauarie voller Koloraturpassagen nicht einfach als “show- stopper” zu singen, und sie dem Kontext des Drama anzupassen, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass “Al desio” musikalisch “Deh vieni” nicht gleichsteht, und – was wichtiger ist – dass die Arie dramatisch den falschen Charakter hat. So etwas würde vielleicht die Gräfin singen, aber bestimmt nicht Susanna.
Sowohl Bryn Terfel, als auch Cecilia Bartoli hatten an ihren Rollen viel Spass (vielleicht sogar, in Bartolis Fall, ein bisschen zu viel, denn ab und zu rutschte sie ins possenhafte: hier hätte man resolute Regie gebrauchen können), und sie (und das Orchester unter James Levine) hielten die Aufführung im Schwung.
Die Gräfin wurde von Renee Fleming gesungen. Sowohl ihre Stimme als auch ihre Figur passen perfekt: Vom pur vokalen Standpunkt aus ist sie eine der besten Darstellerin dieser Rolle. Leider aber fand ich sie etwas distanziert; besonders fehlte mir die kämpferische Seite dieser tapferen Frau, die bereit ist, für die Liebe und den Respekt ihres Mannes zu kämpfen. Bei Renee Fleming wurde sie ein zum sich selbst bemitleidenden Mauerblümchen (wäre ich boshaft, würde ich sagen, dass man sich bei Mme. Flemings Gräfin nicht zu wundern braucht, dass der Graf sich mit ihr langweilt). Wäre Renee Flemming fähig, sich so in die Charakterisierung einzubringen, wie sie den Ton aus ihrer Kehle herausbringt, so wäre sie eine ausgezeichnete Künstlerin; so aber ist sie nur eine grossartige Stimme.
Dwayne Croft war als Graf Almaviva überzeugend, so waren auch Susanne Mentzer als Cherubino – ihr “Voi che sapete” war hinreissend -, Wendy White als Marcellina und Paul Plischka als Don Bartolo. James Levine dirigierte mit viel Schwung, brachte die orchestralen Feinheiten der Partitur zur Schau, ohne aber die Sänger zu überwältigen.
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Der zweite Abend: Mahler und des Knaben Wunderhorn
Den Namen Thomas Quasthoff lernte ich im Zusammenhang mit einer neuen Aufnahme der “Winterreise”, über die ich begeisterte Rezensionen las, kennen. Als ich nun in der Zeitung sah, dass er mit Inger Dan-Jenssen und der New York Philharmonic unter Sir Colin Davis auftreten würde, und noch dazu mit Mahlers “Des Knaben Wunderhorn” Lieder, konnte ich meine Neugier nicht beherrschen, und beschloß, ins Konzert zu gehen. Ich wurde nicht enttäuscht.
Thomas Quasthoff hat eine ausgezeichnete Stimme, die er mit Gefühl und Intelligenz gebraucht. Es scheint, als würde die Natur versuchen in seiner Stimme und Musikalität ihm all das geben, was ihm physisch versagt wurde: Er ist leider ein Contergankind. Was mich besonders beeindruckte, ist die Kombination von Gefühl und Intellekt, die er in seinem Gesang zu Tage legt, was mich einigermaßen an Dietrich Fischer- Dieskau erinnert. Quasthoffs Diktion ist klar und deutlich, so dass man sogar im leisesten piano jede Silbe deutlich hören und verstehen kann. Und obwohl er jedes Lied tief und in jeder Einzelheit analysiert, ist die “Intellektualisation” immer den Gefühl untertan. Die lyrischen Passage singt er so, dass sogar ein Stein gerührt sein würde, dabei gleitet er nie ins Sentimentale ab, wie z.B. in “Wo die Trompeten blasen”, in den sarkastischen – wie im “Lob des hohen Verstandes” – aber fühlte ich einen Schüttelfrost. Sehr tief beeindruckt war ich von dem “Tambourg’sell” – eine Interpretation, die unter die Haut geht.
Leider wurden weder Inger Dem-Jenssen, noch Colin Davis Thomas Quasthoffs Interpretation gerecht. Inger Dem-Jenssen hat zwar eine gute Stimme und sang schön, war aber in die Musik nicht sehr vertieft. Colin Davis dirigierte das Orchester gefühlsam und rücksichtsvoll, aber zu zahm und fad für Mahlers Musik, es fehlte darin eine gewisse Schärfe.
Im ersten Teil des Programs wurden Frank Martins “Petite symphonie concertante” für Cembalo, Harfe, Klavier und doppeltes Streichorchester, mit Humor und Sensibilität gespielt, und Berlioz’ Ouverture zu “King Lear” aufgeführt.
Der letzte Abend: Das Trio “Fidelio”
Am letzten Abend meines Aufenthaltes genoß ich Kammermusik: Das Trio “Fidelio” mit Sanda Schuldmann am Klavier, Lois Martin – Viola und Harry Clark – Cello. Dieses ungewöhnliche Ensemble widmet einen großen Teil seiner Tätigkeit zeitgenössischer Musik.
Das Konzert das ich besuchte, konzentrierte sich auf zwei amerikanische Werke: Ein Trio von Libby Larsen und die New York Erstaufführung des “Avalon”-Trios von Paul Wesley Hofreiter; beide Werke wurden für das “Fidelio” Trio komponiert.
Larsens Trio besteht aus zwei energischen, fast agressiven Sätzen, die einen lyrischen Satz flankieren. Hofreiter’s Trio, das mir ganz besonders gefiel, beginnt etwas zögernd, mit einer sehnsüchtigen Ballade am Klavier, mit äusserster Innigkeit von Sanda Schuldmann interpretiert. Darauf folgt eine Threnodie, in der Trauermusik mit energischere Passagen alterniert, darauf ein lebhaftes Scherzo, und schließlich wieder die Ballade, in der diesmal das ganze Ensemble teilnimmt.
Das Konzert begann mit “Vier Stücke” Op.83 von Max Bruch, die das Trio sehr romantisch, aber nicht zu sentimental spielte, und es endete mit Brahms’ Trio in a-moll, Op. 114, das in der Version für Klarinette, Cello und Klavier bekannter ist. Wenn die Klarinettversione wegen des Farbkontrastes ergreifender wirkt, so gewinnt die Violaversion an Innigkeit. Das ganze Werk stellt die charakteristische Melancholie Brahms’ späterer Werke zur Schau, die ganz besonders im 2. Satz im Dialog zwischen Cello und Viola unterstrichen wird.
Während des ganzen Konzerts war ich von der engen Zusammenarbeit zwischen den Mitgliedern des Ensembles beeindruckt, denen es gelang, ihre Liebe für die Musik dem Publikum zu übermitteln.
Eusebius & Florestan, Mai 1999
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