Mephistos Opernführer:
Lohengrin – oder die Frage nach dem Dingsda
Lohengrin – Romantische Oper in drei Aufzügen mit Text und Musik von Richard Wagner
Ort: Antwerpen
Zeit: Erste Hälfte des 10. Jahrhunderts.
Personen:
Heinrich der Vogler, deutscher König – Baß
Lohengrin – Tenor (was denn sonst, wo er doch der Held von det Janze ist?)
Elsa von Brabant – Sopran (merke: Die netten Mädels in der Oper sind meist blond und Sopran)
Herzog Gottfried, ihr Bruder – kommt vorwiegend als Schwan vor (daher auch “Oh, du lieber Schwan!”)
Friedrich von Telramund, brabantischer Graf – Bariton
Ortrud, seine Gemahlin – Sopran
Der Heerrufer des Königs – Bariton
Grafen und Edle, Mannen (so steht’s bei Wagner – und die Frage, ob die Grafen und Edlen keine Mannen sind, wollen wir hier nicht diskutieren), Frauen (anscheinend weder gräflich noch edel), Knechte.
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Lieblingszitat zum Lohengrin:
“Entschuldigung – wann geht der nächste Schwan?”
Heldentenor Leo Slezak, als die Bühnenarbeiter den Nachen samt Schwan an ihm vorbeizogen, ohne ihn einsteigen zu lassen.
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1. Akt: König Heinrich hat ein Problem. Eigentlich wollte er am Ufer der Schelde die Brabanter zu einem mittelgroßen Feldzug gegen die Ungarn aufrufen, aber die Herrschaften sind überhaupt nicht an seinem Krieg interessiert, weil sie erst einen intern-brabantischen Hickhack austragen müssen. Herzog Telramund samt seiner nur bedingt liebreizenden Gemahlin Ortrud stänkert gegen Elsa, Tochter des verstorbenen Herzogs von Brabant. Sie soll angeblich ihren Bruder Gottfried derwurgst haben, um mit ihrem Buhlen (heutzutage würde man das “Lover” nennen – aber würden Sie sich an meiner Stelle die Gelegenheit entgehen lassen, dieses schöne Wort mal wieder anzubringen?) den Thron einzunehmen. Telramund paßt das nicht, weil er selbst auf selbigem Thron Platz nehmen möchte.
König Heinrich fällt nichts gescheiteres als ein, als sich zum Richter aufzuschwingen und Elsa anzuklagen. Elsa aber hat gleich zwei Probleme: Erstens weiß sie beim besten Willen nicht, wo ihr kleines Brüderchen abgeblieben ist, zweitens hat sie im Staatsrechtskunde-Unterricht immer geschlafen, weswegen ihr nicht einmal die Idee kommt, König Heinrich eine Protestnote wegen seiner Einmischung in die inneren Probleme ihres Landes zu schicken. Stattdessen erscheint sie vor seinem Richterstuhl (ja, so steht’s bei Wagner) und schwärmt von dem strahlenden Ritter, der ihr im Traum erschienen sei und sie schützen werde.
Der König, die Grafen und die Mannen sind tief beeindruckt (klar doch: Elsa hat zumindest schon mal bewiesen, dass die Geschichte mit dem “Buhlen” nicht wahr sein kann – oder kennen Sie eine Frau, die Erfahrung mit Männern hat und trotzdem noch glaubt, dass sie als strahlende Ritter zu ihrer Rettung antreten könnten?). Der König offensichtlich zu tief – er ordnet ein Gottesgericht an und fordert die Grafen und Mannen durch seinen Heerrufer auf, für Elsa zum Streite anzutreten.
Telramund grinst sich eines – die anwesenden Herren Ritter schauen nämlich nur betreten auf ihre Stiefelspitzen und haben offenkundig gar keine Lust, sich mit ihm anzulegen. Elsa fällt darauf nichts besseres ein, als in die Knie zu fallen und zu beten.
Es wirkt – Telramund fällt das Grinsen aus dem Gesicht, als auf dem Fluß ein Schwan samt Kahn (bei Wagner heißt das Ding “Nachen” – kann ich gar nicht verstehen, denn normalerweise hat er seinen Hörern doch keinen schlechten Reim erspart) plus strahlendem Ritter daher gepaddelt kommt. Selbiger klappert an Land, besingt den Schwan ein bisschen, dann wendet er sich an die Ritter und den König und erklärt, dass er bereit sei, für Elsas Unschuld zu kämpfen. Außerdem (Buhle hin, Buhle her) will er sie heiraten, was sie natürlich begeistert (ich sagte doch: Das mit dem Buhlen hat der böse Telramund erfunden). Elsa sinkt dem Ritter in die Arme (jedenfalls nach Wagner – bei modernen Regisseuren unterbleibt entweder die Rüstung oder das in die Arme sinken – wahrscheinlich, weil sie befürchten, ihre Sängerin würde sich dabei erkälten), was er gleich ausnutzt, um ihr zu erklären, dass sie ihn aber – bitteschön – nicht fragen solle, wie er eigentlich heiße oder wo er herkomme (im O-Ton: “Nie sollt du mich befragen noch Wissens Sorge tragen…”).
Elsa (sagte ich nicht, dass sie von umwerfender Naivität ist?) verspricht ihm das, worauf er sich beglückt (Addition von Prospero: “Wenn ich sie schon so weit gehabt hätte, hätte ich ihr auch gleich das Versprechen abgenommen, mich nie mit ‚Liebling, ‘was denkst du gerade?’ zu nerven…”) ins vom Orchester lautstark begleitete Schwerterrasseln mit Telramund stürzt. Natürlich siegt der Ritter (sonst wäre die Oper ja schon im ersten Akt aus), in typisch männlicher Solidarität läßt er Telramund aber leben, worüber alle jubeln – auch das Publikum, denn damit ist der Akt rum und es kann sich auf die Pausenbrötchen freuen.
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2. Akt: Es ist Nacht, Telramund und seine wirklich nicht sehr liebreizende Ortrud haben Eheprobleme: Er wirft ihr vor, dass sie ihn aufgehetzt habe, sie mopst sich, dass er gegen den Schwanenritter verloren hat. Weil er nun außer Landes gehen will, schlägt ihm Ortrud vor, den Sieg des Fremden als “Zauberei” darzustellen – und wenn man dann schon dabei sei, könne man Elsa doch auch diesbezügliches ins Ohr blasen?
Als Elsa dann auf den Söller (unsereins würde sagen “Balkon” – aber Sie werden zugeben, dass “Söller” besser klingt) tritt und ihre Seligkeit in die Nacht hinaussingt (nachdenklich-wehmütige Addition Prospero: “Mein Hund hat das auch immer gemacht…”), stellt sich Ortrud darunter und jammert über ihren Ehemann und ihr hartes Schicksal. Natürlich ist Elsa total betroffen und findet, dass man da mal drüber reden müsse. Weil die ortsansässige Frauengruppe aber erst nächste Woche wieder tagt, lädt sie Ortrud zu sich ein, was der Gelegenheit gibt, Elsa über die Männer im allgemeinen und herumstreunende Ritter im besonderen aufzuklären.
Am nächsten Morgen ist’s dann vorbei mit der Frauensolidarität – vor dem Münster, in dem die Hochzeit Elsa-streunender Ritter stattfinden soll, baut sich Ortrud vor Elsa auf und verlangt den Vortritt, weil sie ja immerhin mit dem nachweisbar edlen Telramund verheiratet sei, während Elsa mit einem Kerl verlobt sei, der bisher sein Pedigree nicht zur Begutachtung vorgelegt hätte. Elsa beteuert, wie sehr sie ihrem Streuner vertraut, knickt aber doch ein (anscheinend verliert sie langsam ihre Naivität), als Telramund dann noch die Geschichte von der “Zauberei” erzählt. Die war aber zumindest für den König und seine Mannen überzeugend, sie preisen den Fremden als “Retter von Brabant”, worauf Elsa (launisch, das Mädchen, hmm?) sich doch wieder darauf besinnt, dass sie ihn liebt und wacker fürbaß (würde Tanja Kinkel sagen – und weil meine Lektoren nie akzeptieren, dass ich sowas schreibe, wollte ich es wenigstens hier mal angebracht haben) in Richtung Altar schreitet.
3. Akt: Wagner ist tricky – im letzten Akt hat er uns gezeigt, wie Elsa in die Kirche marschiert, im dritten sind wir dann schon im Brautgemach. So überläßt er es unserer Phantasie, uns vorzustellen, wie der Pfarrer das Problem mit dem Namen des Bräutigams gemanagt hat (“Willst du, hier anwesende Elsa von Brabant, den hier anwesenden …. öh….. äh…. ja, also, den, der da neben dir steht, zu deinem Mann nehmen?”).
Zurück zu dem, was Sie bei dieser Oper auf der Bühne geliefert bekommen: Die Mannen, der König, die Grafen, die Edlen, die Frauen, die Knechte und natürlich Elsa und ihr Ritter landen nach ausführlichem, selbstverständlich feierlichem Schreiten im Brautgemach (fragen Sie mich nicht, was der ganze Hof da will!), woselbst der König noch ein paar einschlägige Hinweise gibt, bevor er mit seinen Grafen, Edlen, Mannen, Frauen und Knechten verschwindet.
Anstatt nun Elsa mit einem “Endlich allein!” zu grapschen und ins Himmelbett zu hieven, beginnt der frischgetraute Ehemann zu singen. Er singt…. und singt …. und singt. Er singt so lange, bis Elsa es sich schließlich nicht mehr verkneifen kann, ihn zu fragen, was eigentlich mit seinem Geschlecht ist.
Er kommt nicht zum Antworten, denn genau in dem Moment stürzt Telramund ins Gemach und geht auf den Ritter los, der ihn prompt erschlägt, worauf Elsa in Ohnmacht fällt (wahrscheinlich, weil sie soviel Wumm gerne an anderer Stelle erlebt hätte). Ihr nicht-so-ganz-Ehemann weist ihre Frauen an, sich um sie zu kümmern und geht zum König, um dem den ganzen Schlamassel zu erklären.
Dabei offenbart er dann auch, wer er ist: Lohengrin, der Sohn des Gralsritters Parsifal (siehe da – und fragen Sie mich nicht, wie der ach-so-keusche Parsifal zu dem Sohn gekommen ist!). Warum er das nicht gleich gesagt hat, begreift keiner – noch nicht mal Elsa, die natürlich lauthals jammert, vor allem, weil nun auch wieder besagter Nachen samt Schwan auftaucht, um Lohengrin abzuholen.
Doch zuvor offenbart Ortrud, dass sie die Hexe ist – der Schwan ist nämlich Elsas kleiner Bruder Gottfried, den sie verzaubert hat. Er könne nie mehr erlöst werden – ätsch!
Ortrud ist mal wieder falsch informiert – Lohengrin ist gut im Erlösen (wenigstens was, nachdem er sich im Brautgemach als Totalversager erwiesen hat). Er sinkt nieder (in dieser Oper wird, wie Sie hier spätestens erkennen können, ziemlich viel niedergesunken), richtet ein Gebet zum Himmel, darauf schwebt eine weiße Taube hernieder, der Schwan taucht unter und in der Gestalt von Gottfried wieder auf. Lohengrin fischt ihn aus dem Wasser, steigt in den Kahn, die Taube zieht ihn von dannen (bitte: Wenn Herr Wagner meint, eine Taube könne einen Kahn ziehen, dann wollen wir das nicht weiter diskutieren, ja?). Elsa allerdings sinkt nieder – “entseelt”, wie uns der Komponist wissen läßt.
Und die Moral von der Geschicht’? Wahrscheinlich, dass eine Frau einem Mann keine dumme Fragen stellen soll – oder?
© Sibylle Luise Binder (Sycorax) 1999
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