Tubs’ Tagebuch:
Aus dem Leben eines Gentle Bear

© Sibylle Luise Binder, 1999

Vorwort:

Eine der meist vernachlässigten Tierarten in der Verhaltensforschung war bisher Ursus Teddybaerinsis (im Volksmund auch als “Teddybär” oder “Knuddeltier” bekannt). Unbeachtet und unbeschrieben von ernstzunehmenden Wissenschaftlern fristete er sein Leben bisher in Kinderzimmern, Spielzeugläden, auf Sofas und in Vitrinen. Das einzige, was bisweilen dokumentiert wurde, waren sein Aussehen und seine Anatomie, letztere hauptsächlich von jungen Hobbyforschern mit Methoden erforscht, die nicht immer den von der Interessengemeinschaft zum Schutz des Teddybären (im folgenden IGZST genannt) im Merkblatt 28/IV/Anhang Beta gelisteten Verfahrensweise zur Erforschung von Teddybären entsprach.

antike bärlein

So sehr dies zu kritisieren ist, so sind wir als ernsthafte Teddy-Forscher doch dankbar, dass uns auf diese Art wenigstens hin und wieder Einblicke in die besondere Anatomie des Ursus Teddybaerinsis gegeben wurden. Doch vermissten wir bisher jeglichen Forschungsansatz zum bestimmt noch wichtigeren Thema “Sozialverhalten des Ursus Teddybaerinsis”. Um so stolzer macht es uns, nun einer breiten Öffentlichkeit die ersten Einblicke in dieses differenzierte System bieten zu können.

Als Grundlage dafür diente uns ein Zufallsfund: Das Tagebuch eines Teddybären. Es bestätigte unseren schon lange gehegten Verdacht, dass mehr hinter Ursus Teddybaerinsis steckt und es kündet uns von einem höchst komplexen Individuum, das in der Zukunft mehr Beachtung verdienen sollte.

In Abstimmung mit der IGZST haben wir darum beschlossen, dem Internationalen Rat für die Anerkennung außergewöhnlicher Wesen bei den Verschnarchten Nationen eine Resolution zum Schutz der Rechte des Ursus Teddybaerinsis vorzulegen. Auch hier wieder dient dieses Tagebuch (dessen Bedeutung für die ernsthafte Forschung nicht hoch genug gerühmt werden kann) als Beleg für die außergewöhnlichen Leistungen, zu denen Ursus Teddybaerinsis bei artgerechter Haltung fähig ist.

Außerdem hoffen wir, mit dieser Publikation breite Unterstützung für unsere Resolution zu gewinnen. Sollten Sie daran partizipieren wollen, lassen Sie es uns wissen.

Irgendwo-auf-der-Welt,
im Mai 1999

Sycorax & Prospero

Erstes Heft:

Wie ich die Prinzessin und den Zauberer kennenlernte, einen Namen bekam und vom Deutschen Teddy zum britischen Gentle Bear wurde

11. Januar 1978

Ich will hier raus! Was denken sich diese Menschen eigentlich? Mich in einen dumpfen, dunklen Pappkarton zu sperren und dann auch noch zu werfen und zu schütteln und überhaupt – ich will hier raus! Mir ist schlecht! Ich hasse es, im Dunkeln zu liegen und geschaukelt zu werden.

Himmel, ist mir mies! Wenn das mit der Schaukelei noch eine Weile so weitergeht, werde ich Holzwolle kotzen – was auch sonst, wo mir doch bisher niemand was anständiges gefüttert hat?

Ich habe Hunger. Mir ist schlecht. Und es riecht hier komisch – irgendwie nach Salz und altem Dieselöl und etwas undefinierbarem. Wo bin ich bloß gelandet? Und dann noch diese Geräusche! Ein dumpfes Brummen – gar nicht bärenmässig angenehm, sondern vibrierend, so dass es mir durch Mark und Fell geht. Damit nicht genug – es klingt immer wieder als ob ein Hammer gegen Blech dröhnt und das ist von noch mehr Schaukelei begleitet. Wo bin ich hier bloß?

Ich glaube, ich bin auf einem Schiff. Das hat mir gerade noch gefehlt! Habe ich je gesagt, dass ich ein Seebär sei?

Keine Rede davon, im Gegenteil. Ich bin nicht abenteuerlustig. Dafür bin ich viel zu bescheiden. Mich kann man mit ganz einfachen, kleinen Dingen glücklich machen – zum Beispiel einer großen Portion Honig ganz für mich alleine. Und dazu bräuchte ich dann nur noch einen hübschen, trockenen, ruhigen, ungestörten Platz, an dem ich ihn genüßlich futtern kann. Am besten wäre da ein Kinderzimmer – aber der Himmel verhüte, dass es eines mit mehreren Kindern und Stockbetten drin ist! Der alte Bär mit dem gebrochenen Bein, der letzte Woche neben mir saß – der war aus so einem Ding rausgefallen und mußte darum in die Klinik. Außerdem hat er erzählt, dass die Gören sich immer um ihn gestritten und dann an ihm gezerrt hätten.

Also, das wäre nichts für mich. Ich möchte Lieblingsbär bei einem Kind werden. Ich finde, das steht mir zu, denn schließlich bin ich ein ganz besonderer Bär. Mich zeichnet zum Beispiel meine außergewöhnliche Bescheidenheit aus, die meine Haltung so einfach macht – ich brauche nur ein Zimmer, ein Bett, jeden Tag frischen Honig, viele Streicheleinheiten, hin und wieder ein nettes Bärenmädchen – also, damit wäre ich schon zufrieden. Natürlich, hin und wieder will ich auch noch was anderes sehen als das Zimmer. Ein Fenster müßte es haben, von dem aus man in einen schönen Garten sehen kann – schließlich will ein intelligenter, aufgeweckter Bär wie ich auch was zu gucken haben. Und dann sollte man mir hin und wieder eine Geschichte vorlesen. Ich liebe Geschichten – vor allem, wenn sie von tapferen Bären handeln, die mutig jeder Gefahr trotzen.

Aber was ich mir am meisten wünsche: Ich hätte gerne einen Namen. Bis jetzt heiße ich einfach nur “Teddybär” und wenn ich überhaupt etwas Individuelles beanspruchen kann, dann, dass ich ein Steiff-Bär bin. Das meint, ich komme aus einem guten Haus – der Spielzeugfabrik Steiff in Giengen an der Brenz, wo nur die allerfeinsten Bären hergestellt werden. Gegen mich und meine Brüdern und Schwestern sind alle anderen Teddybären auf dieser Welt geradezu Billigheimer, der Bezeichnung “Teddybär” nicht wert. Kenner wissen das sofort, wenn sie uns sehen – wir aus dem Hause Steiff haben nämlich den Knopf im Ohr, der uns als Besonderheit auszeichnet.

14. Januar 1978

Ist es zu glauben? Ich war tatsächlich auf einem Schiff! Und nun bin ich ein weitgereister Bär: Von meinem Geburtsort Giengen an der Brenz über Frankreich nach Groß Britannien! Das hat nicht jeder Bär erlebt – dazu muß man schon so ein besonderer Bär wie ich sein.

Vielleicht sollte ich mich jetzt doch “Seebär” nennen? Ich hab‘ immer noch keinen Namen, also wäre das doch was…

Aber ehrlich: Besonders gefallen würde es mir nicht, wenn ich “Seebär” heißen würde. Ich wünsche mir einen anderen Namen, etwas sanfteres, netteres, eben passend zu mir.

Jetzt kann ich aber nicht über meinen passenden Namen für mich nachdenken. Ich muß erstmal englisch lernen – mein Brummen scheint nämlich nicht auszureichen, dieser Verkäuferin klarzumachen, dass ich in dem Regal, in das sie mich gesetzt hat, vollkommen falsch placiert bin! Was hat sie bloß auf die Idee gebracht, mich hinter diesen scheußlichen, viel zu fetten Eisbären zu setzen? Abgesehen davon, dass er mich halb verdeckt, hat er auch noch so ein gräßliches Fell – mit Kunstfasern drin! Ich glaube nicht, dass irgendein Kind auf dieser Welt ihn mit ins Bett nehmen wollte -–und darum gebührt mir der Platz ganz vorne auf dem Regal!

21.Januar 1978

Das Bärenleben ist manchmal hart. Nun sitze ich schon seit über einer Woche in diesem Spielzeugladen rum und habe immer noch keinen Namen und kein Kind bekommen. Dafür aber ist der Eisbär verkauft!

Kann man sich das vorstellen? Der häßliche Kerl ist vor mir verkauft worden! Und ich konnte mich noch nicht mal damit trösten, dass er jetzt endlich weg ist und nicht mehr die Sicht auf mich versperrt, denn kaum hatte ihn die Verkäuferin eingepackt, eilte sie schon ins Lager und brachte gleich einen Bruder von ihm, der wieder genau vor mir landete.

Wenn er nicht so ein blödes Kunstfaserfell hätte, würde ich mich glatt an ihn lehnen und ein bisschen heulen. Mir wäre danach, ich bin nämlich wirklich traurig. Nicht nur, dass ich immer noch keinen Namen habe und niemand mich beachtet – nein, ich staube hier auch ein!

teddybears watching humans watching teddybears

Warum hat man mich bloß in dieses Land gebracht? Wenn ich an dem Eisbären vorbeigucke, kann ich einen Blick durchs Schaufenster auf die Straße erhaschen. Schön ist’s da draußen nicht – graue Häuserfluchten und ewiger Regen. Manchmal kommt ein roter Bus vorbei, aber selbst der sieht in dem Nieselwetter blaß und langweilig aus. Wenn’s wenigstens richtigen Schnee gäbe! Dann könnte ich darauf hoffen, dass der Eisbär rausrennt und nicht nur meine Sicht frei wäre, sondern man mich auch sehen könnte.

Wie soll ich hier bloß meinen Menschen und meinen Namen finden? Ich bin wirklich traurig.

22. Januar 1978

Draußen regnet es immer noch. Dafür ist heute der zweite Eisbär verkauft worden. Dummerweise hockt jetzt eine Schwester von ihm vor mir – und sie verdeckt mich noch mehr. Mein Fell wird immer staubiger und meine Laune immer trüber. Ich habe immer noch keinen Menschen und keinen Namen.

Weißes Teddymädchen 2008

25. Januar 1978

Regen, Regen, Regen. Inzwischen wünsche ich mir fast, ich wäre draußen. Dann würde ich wenigstens nicht einstauben. Stattdessen würden sich meine Tränen mit dem dauernden Niesel mischen und ich würde mich auflösen. Ich glaube, ich will mich auflösen. Das wäre immer noch besser als ein angestaubter Bär ohne Namen und Mensch in einem Laden zu sein.

27. Januar 1978

Ich bin froh, dass meine Mundwinkel fest genäht sind. Wenn nicht, würden sie jetzt nämlich nach unten rutschen und ich würde so deprimiert aussehen wie ich mich fühle.

Ich glaube, ich will gar keinen Honig mehr. Und ich würde auch in ein Kinderzimmer gehen, das kein Fenster mit Blick auf einen Garten hat. Selbst vor einem Stockbett würde mir nicht mehr grausen – Hauptsache, ich hätte endlich einen Namen, ein Bett und ein eigenes Menschenkind.

31. Januar 1978

Es ist mir egal, dass die vierte Schwester des Eisbären Kunstfaserfell hat – ich bin so unglücklich, ich muß einfach reinheulen!

Dabei hat der Tag eigentlich so gut angefangen! Statt der blöden Verkäuferin mit dem Dutt und den farblosen Kleidern kam heute ein ganz hübsches, junges Mädchen mit fröhlichem Lächeln. Sie nahm mich und alle meine Brüder und Schwestern aus dem Regal und hat uns abgestaubt. Ich habe mich sofort sehr viel besser gefühlt, als sie mich in die Hand genommen hat. Das Abstauben fühlte sich nämlich fast an wie Streicheln – und ich müßte so dringend mal richtig gestreichelt werden! Und dann hat sie mir noch ein Kompliment gemacht! Sie hat gesagt, ich sei ein “Süßer”.

teddy, asterix und dagobert

Ich finde, sie hat recht. Ich bin süß. Ich bin so süß, dass sie mich eigentlich aus diesem Laden hätte erlösen und in ihr Zimmer hätte mitnehmen können. Sie hätte sicher viel Freude an mir gehabt.

Sie hat mich aber nicht mitgenommen. Mir blieb nur ein kurzer Moment der Hoffnung, bevor sie mich wieder ins Regal gesetzt hat. Und darum bin ich nun so traurig. Ein Bär lebt schließlich nicht von der Hoffnung allein – es sollte schon etwas Honig und Streicheln obendrauf sein!

02. Februar 1978

Ich glaube, ich werde nie mehr jammern, dass ich noch nicht verkauft bin. Heute war’s nämlich ganz knapp und wenn ich mich nicht rechtzeitig hinter den Rücken des komischen Bären mit dem roten Hemdchen verdrückt hätte, hätte es mich glatt erwischt.

Uuuh – allein der Gedanke daran macht mich schwitzen! Was wäre nur aus mir geworden, wenn ich nicht so schlau gewesen wäre?

Also, da war diese Frau – sie war blond und hatte hochtoupierte Haare und ein knallrotes Kleid und knallrote Schuhe und sie sah fast so komisch aus wie der Braunbär mit dem roten Hemd. Dazu klang sie ganz schlimm – sie hatte so eine hohe Stimme, so eine, mit der man Glas schneiden kann! Und sie sprach ganz laut und wahrscheinlich habe nicht nur ich mich vor ihr erschrocken (aber die anderen geben es ja nicht zu. Sie sind einfach nicht so reflektiert wie ich, darum wissen sie nicht, dass der wahre Held zu seiner Angst stehen und sie überwinden kann).

“Daaaahling – schau mal…” sagte sie und dann grapschte sie nach mir und hielt mich mit ihren Krallen. Die waren natürlich auch rotlackiert und eine davon bohrte sich in meinen weichen, empfindlichen Bauch, als sie mich einem kleinen Mädchen mit blonden Locken und roten Schleifen darin zeigte. “Ist der nicht süß?”

Ich bin süß. Aber das Menschenkind war es nicht. Sie hatte einen ganz schmalen Mund und sie sah so verdrossen aus! Ich wollte nicht zu ihr, aber ich konnte mich nicht wehren, als sie mich nahm. Und dann hätte ich am liebsten gebrüllt! Sie hat mir nämlich auf den Bauch gedrückt und dann genörgelt:

“Der kann ja nicht mal brummen!”

So eine Gemeinheit! Natürlich kann ich brummen – wenn ich will! Aber ich will nicht, wenn man mir so grob auf den Bauch drückt. Und ich will schon gar nicht bei so einem verzogenen Blag, das dann anfing zu kreischen:

“Ich will keinen blöden Teddybären! Du hast mir eine Barbiepuppe versprochen, die man frisieren und der ich neue Kleider anziehen kann! Ich will keinen blöden Teddybären…”

Wenn ich nicht so ein ausgesprochen wohlerzogener Bär wäre, hätte ich sie gebissen. Was denkt die sich eigentlich?

Immerhin bin ich froh, nicht bei der gelandet zu sein! Als sie mich (ziemlich grob) ins Regal zurückgesetzt hat, habe ich erstmal ganz tief durchgeatmet. Lieber keinen Menschen als so einen! Und lieber ohne Namen einstauben und hier alt werden als ein Zimmer mit Barbie-Puppen teilen.

05. Februar 1978

Langsam glaube ich nicht mehr, dass ich noch einmal zu einem Menschen komme. Ich bin aber auch nicht mehr sicher, ob ich das überhaupt will.

Gestern wäre ich nämlich fast bei einem dicklichen, blaßblonden Knaben gelandet – seine Großmutter (die nicht weniger dicklich und blaßblond als er war) fand mich nämlich süß. Der Knabe aber fand, dass Bären “langweilig und doof” sind. Er wollte lieber eine Superman-Action-Figur. Mir soll’s recht sein – bei dem hätte ich ja fürchten müssen, dass er mir ein blaues Geschirrhandtuch über die Schultern hängt und mich zum Fenster rausschubst, um zu sehen, ob ich fliegen kann! Kann ich aber nicht – und darum bleibe ich lieber im Spielzeuggeschäft.

Immerhin habe ich mich mittlerweile mit der Eisbärin angefreundet. Sie ist ein bisschen wehleidig und jammert die ganze Zeit darüber, dass wir so nahe an der Heizung sind. Klar, wenn ich so viel Kunstfaser im Fell hätte wie sie, würde ich auch schwitzen! Aber ich würde nicht soviel klagen. Schließlich ist man sich als Gentle Bear doch ein wenig Selbstachtung schuldig.

06. Februar 1978

Warum suchen eigentlich Menschen Bären aus? Nach dem, was ich in den letzten Tagen hier erlebt habe, fände ich es vernünftiger, wenn die Bären die Menschen aussuchen würden.

09. Februar 1978, früher Nachmittag

Habe ich es nicht vor drei Tagen gesagt? Es wäre so viel vernünftiger, wenn die Bären die Menschen aussuchen dürften! Dann wäre ich nämlich nicht an ihn geraten, dann würde ich jetzt nicht schon wieder geschaukelt werden (als ob ich nicht von meiner Seereise schon genug hätte!) und dann wäre ich bestimmt auch nicht am Ohr gepackt und in einer Tüte versenkt worden!

unwiderstehlicher augenaufschlag ;-)

Schon als er die Treppe in unsere Abteilung hochkam, dachte ich: “Ne, der ist wirklich nicht mein Typ.” Nicht, dass ich auf Anzug und Krawatte wert legen würde – aber ich bin in meinem schokoladenbraunen Pelz sehr elegant und darum, finde ich, passe ich überhaupt nicht zu einem Überstand aus den 68ern, der in verwaschenen Latzhosen auf ausgelatschten Turnschuhen daher kommt! Und als ob das nicht schon genug wäre – er hat außerdem eine Glatze, eine sehr ausgeprägte Nase, war nicht gerade gut rasiert und machte ein Gesicht, als ob er gerade eine Kröte verschluckt hätte.

Meine Eisbär-Freundin guckte ihn auch an. Dann kuschelte sie sich an mich und flüsterte:

“Uuuh – bin ich froh, dass der mich nicht kaufen wird!”

“Warum bist du dir da so sicher?” fragte ich zurück. Sie kicherte:

“Ich sage dir doch schon die ganze Zeit: Kunstfaser im Fell ist ein Vorteil! Nicht nur, dass man mich in der Maschine waschen kann – ich werde auch nicht von Ökos wie dem gekauft!” Ich schielte wieder zu ihm hinüber – er stand vor dem Regal mit den Puppen, aber er machte nicht den Eindruck, als ob er eine kaufen wolle. Statt dessen kratzte er sich hinter dem linken Ohr, dann wandte er sich um und schaute uns an.

Meine Eisbär-Freundin duckte sich, dafür blies sich der komische himmelblaue Bär, der links von mir saß, auf – dass er nicht noch “Hier! Nimm mich!” gerufen hat, war alles. Um zu vermeiden, dass er sich derart unanständig benimmt, knuffte ich ihn in den Rücken und flüsterte:

“Reiß dich zusammen! Dein Fell würde eh nicht zu seinem grauen Pullover passen!”

In diesem Moment bemerkte ich, dass er mich anschaute. Natürlich habe ich nicht zurück geguckt. Ich bin ein gut erzogener Bär. Ich weiß, wie man sich benimmt. Darum guckte ich auf meine Fußspitzen (ich habe sehr hübsche Fußspitzen: schokoladenbraun mit elfenbeinfarbener Stickerei für die Krallen. Ich bin eben ein ganz besonderer Bär) und machte ein ganz harmloses Gesicht.

Ich weiß nicht, was ich mir davon versprochen habe – es ging alles so schnell. Eines weiß ich aber: Ich fand es alles andere als nett, dass er nach meinem Bein grapschte, mich aus dem Regal zog – und dann nicht in meine schönen Glasaugen schaute, sondern auf das Preisschild an meinem Ohr! Was er darauf erblickte, gefiel ihm gar nicht. Er brummte:

“Brrr – teuer!” Dann setzte er mich zurück ins Regal. Ich atmete erleichtert auf – ich wollte wirklich nicht von jemanden gekauft werden, der bei einem Bären erst mal aufs Preisschild kauft. Bei einem solchen Kerl muß man ja befürchten, eines Tages als Sonderangebot auf einem Flohmarkt zu landen – in der Bärengosse, sozusagen. Nein, nein, bei einem solchen Menschen …

Zu spät – da war er wieder! Dieses mal erwischte er meinen Arm und ich hätte am liebsten “Utsch” geschrien. Aber weil ich nun mal ein netter, wohlerzogener Bär bin, verkniff ich es mir, hoffte aber sehr, dass ich für ihn wirklich zu teuer sein würde.

Er war unschlüssig und drehte mich ein paarmal in die Händen. Das nahm die Verkäuferin zum Anlaß, sich auf ihn zu stürzen, um noch ein wenig Überzeugungsarbeit zu leisten:

“Das ist ein wunderschöner, klassischer Bär…” pries sie mich an. “Schauen Sie nur, wie gut er verarbeitet ist und was für ein feines Fell er hat! Einen Bären wie den finden Sie so schnell nicht wieder. Ich bin sicher, jedes Kind wird es lieben, einen solchen Bären zu bekommen, denn er hat nicht nur Ausdruck und Charme, sondern verkraftet auch, dass er mal rauh angefaßt wird…” (das hörte ich gar nicht gerne! Ich streite zwar nicht ab, dass ich das aushalte – aber muß diese Henne die Leute auf Ideen bringen?) “…und man kann ihn feucht reinigen…” (gute Idee! Ich möchte mal wissen, wie sie es fände, feucht gereinigt zu werden!) “…und überhaupt hält er, was er verspricht. Er kommt nämlich aus Giengen, das ist in Deutschland und sein Hersteller Steiff ist bekannt dafür, besonders gutes Spielzeug zu fabrizieren. Wußten Sie, dass die Firmengründerin den ersten Teddybären überhaupt gemacht hat, dass sie sozusagen die Erfinderin des Teddybären ist?”

Viel weiter kam sie nicht, denn er unterbrach – höflich, aber durchaus bestimmt:

“Ich bin nicht sehr an der Genesis interessiert!” Ich vermute, dass sie das Wort “Genesis” noch nie vorher gehört hatte – aber sie begriff, dass er nicht weiter beredet werden wollte. Er schaute mich noch einmal an – zwei tiefe Falten zwischen den Augenbrauen. Dann seufzte er leise, setzte mich auf den Tisch vor die Verkäuferin und sagte: “Ich nehme ihn.”

Ich hatte die ganze Zeit gedacht, ich würde mich freuen, wenn ich endlich aus dem Laden kommen würde. Ich hatte es mir so schön ausgemalt! Aber das war’s gar nicht, denn er war eilig. Er bezahlte mich, dann stopfte er mich in die Tüte, bevor die Verkäuferin ihm auch nur einen Karton anbieten oder ich meiner Eisbär-Freundin einen Gruß zuwinken konnte und dann eilte er aus dem Laden.

Und jetzt bin ich eben mal wieder in einer Tüte und werde geschaukelt – das scheint mein Schicksal zu sein. Ich hoffe nur, es dauert nicht mehr so lange. Erstens wäre es mir unangenehm, wenn mir hier drin schlecht würde und zweitens bin ich doch schon so gespannt, wo er mich hinbringt!

09. Februar 1978, nachts

Sie ist wunderschön! Wenn sie ein Bärenmädchen wäre, würde ich mich sofort in sie verlieben. Sie ist aber ein Menschenkind – und ich glaube fast, dass das noch besser ist als wenn sie ein Bärenmädchen wäre, weil sie wohl mein Menschenkind ist.

bussi...

Ganz sicher bin ich mir da noch nicht. Vielleicht hat er mich bloß vergessen? Ich glaube, dann würde ich ihn nie wieder angucken! Ich werde ihn sowieso erst mal zwei Wochen mit Mißachtung strafen, denn was er bis jetzt gezeigt hat, verdient bestimmt nicht, dass er als Bärenhalter gelobt wird.

Vielleicht sollte ich ihm aber verzeihen, weil – also… ich glaube, ich sollte von Anfang an erzählen.

Also, erst hat er mich in der Tüte über eine sehr laute Straße geschaukelt. Dann landeten wir in einem Bus – und ich mopste mich mächtig, weil ich das ja nur an den Motorengeräuschen erkennen konnte. Dabei hätte ich so gerne aus dem Fenster gesehen! Schließlich will man ja wissen, wo man unterwegs ist.

Nach einer halben Stunde Busfahrt ging es noch einmal über eine Straße, dann hörte ich seine Turnschuhe auf Steinfußboden quietschen und bekam einen Geruch in die Nase, von dem mir erst einmal fast übel wurde: Desinfektionsmittel, Bodenwachs und aufgewärmter Kartoffelbrei – eine schreckliche Mischung. Ich überlegte mir die ganze Zeit, wo es so riechen könnte, aber ich hatte nicht die geringste Idee, bis die Schaukelei plötzlich aufhörte. Er war stehengeblieben, ich hörte ihn fragen:

“Wie geht es ihr?”

Er klang ein wenig atemlos und sehr besorgt. Die Antwort kam von einer ruhigen, freundlichen Frauenstimme:

“Machen Sie sich keine Sorgen, Mister Prospero. Sie ist zäh, sie wird schon durchkommen. Das schlimmste hat sie schon hinter sich. Jetzt muß nur noch das Fieber sinken, dann wird sie bald wieder munter sein.” Als kluger Bär reimte ich mir zusammen, dass wir wohl in einem Krankenhaus gelandet waren und er sich dort nach einer Patientin erkundigte. Und dann hörte ich auch schon wieder die Schwester: “Gehen Sie ruhig zu ihr. Sie schläft zwar, im Moment hauptsächlich – aber wenn sie aufwacht, wird sie froh sein, ihren Vater zu sehen.”

Prospero bedankte sich, schaukelte mich noch ein paar Schritte, dann öffnete er eine Tür, betrat ein Zimmer und legte mich in der Tüte auf einem Tischchen ab. Ich hörte, wie er einen Stuhl über den Boden zog und sich setzte, dann war es für eine ganz lange Zeit still im Zimmer, nur das leise Klicken einer Maschine war zu hören.

Obwohl mich der Geruch immer noch störte, wurde ich müde und döste wohl auch etwas ein – schließlich war es schon ein langer Tag für mich gewesen. Plötzlich hörte ich ein Flüstern:

“Daddy?”

Stuhlrücken, dann Prospero:

“Ja, mein Schatz? Ich bin da.” Ich hatte schon vorher gedacht, dass seine Stimme das beste an ihm ist – ein warmer, voller Bariton. Nun klang diese dunkle Stimme sanft und zärtlich. “Wie geht es dir denn? Besser?”

“Ich bin müde!” klagte es leise.

“Ja, Miranda – natürlich bist du müde. Du bist sehr krank. Du mußt ganz viel schlafen, damit du zu Kräften kommst und bald wieder gesund bist.”

“Daddy, mein Bauch schmerzte so sehr!” Ich wäre am liebsten aus meiner Tüte gehüpft – das klang, als ob da jemand Trost brauchen würde! Und im Trösten bin ich gut – dafür ist man als Gentle Bear schließlich da.

Ich verstand gar nicht, warum Prospero nicht an mich dachte, aber er war offenkundig ganz auf seine Miranda konzentriert.

“Tut dein Bäuchlein denn immer noch weh?” fragte er.

“Nein – aber ich bin so durstig!”

“Warte. Ich frage die Schwester, ob du einen Tee haben kannst.”

Ich hörte, wie er zur Tür ging – das war meine Chance! Schnell, aber dennoch vorsichtig (schließlich wollte ich die kleine Miranda ja nicht erschrecken) rutschte ich in meiner Tüte nach oben, gerade so weit, dass ich über den Rand schielen konnte.

Und dann sah ich sie: Ein blasses, kleines Mädchen in einem viel zu großen Bett. Obwohl sie so durchsichtig und fragil ist, ist sie wunderschön. Sie hat große, dunkle Augen – fast so schön wie meine. Und dazu hat sie ganz lange Wimpern, die ihre Wangenknochen beschatten und dunkelblonde, feine Haare, die wie Seide glänzen, obwohl sie so krank ist. Ich habe selten ein hübscheres Mädchen als sie gesehen und ich wußte sofort: Wenn sie mein Menschenkind wird, werde ich ein glücklicher Bär sein. Aber dazu muß sie erst einmal gesund werden – bis jetzt hat sie einen Schlauch im Arm und kann sich kaum bewegen.

Leider hatte ich keine Chance, mich ihr zu zeigen, denn Prospero kam schon zurück. Er hatte eine Tasse in der Hand, setzte sich zu ihr aufs Bett, nahm sie in den Arm und gab ihr zu trinken. Sie seufzte zufrieden, doch als er sie wieder hinlegen wollte, hielt sie mit ihrem kleinen Händchen seinen Arm fest.

“Bleib so, Daddy.” Er stellte die Tasse neben mich.

“Natürlich, mein Schatz. Aber vielleicht möchtest du wieder schlafen?”

“Erzählst du mir vorher eine Geschichte?”

“Was für eine möchtest du hören?”

“Erzähl mir von den Enten im Park. Hast du sie besucht?”

Prospero erzählte ungefähr eine halbe Stunde lang. Dann schlief Miranda ein, er gab ihr einen Kuß auf die Stirn, legte sie in ihr Bett zurück und deckte sie zu. Er stand noch eine ganze Weile neben ihr und hatte wieder diese tiefen Falten zwischen den Augenbrauen. Schließlich seufzte er ganz leise – und ging.

Mich hat er vergessen. Er hat einfach nicht mehr daran gedacht, dass ich da bin. Ich denke aber, ich bin für Miranda bestimmt. Offensichtlich hat er sie sehr gern und darum hat er mich wohl gekauft (obwohl er mich so teuer fand). Also ist es doch wohl okay, dass ich jetzt vollends aus der Tüte krabble? Wenn ich es geschickt mache, kann ich vielleicht sogar über den Rand des Tischchens fallen und in ihrem Bett landen. Ich würde gerne neben ihr liegen – und ich bin sicher, sie würde sich dann ganz schnell viel besser fühlen.

10. Februar 1978, abends

Uuh, bin ich müde! Es war ein so anstrengender Tag – aber auch ein wunderschöner! Ich habe nämlich endlich einen Namen bekommen. Ab jetzt heiße ich Tubs.

teddy in cafeteria

Ich finde, der Name paßt zu mir. Ich sehe aus wie ein Tubs. Ich fühle mich wie ein Tubs. Und ich liebe es, wie die Prinzessin meinen Namen sagt!

Tubs – bei ihr klingt es wie Musik. Das erstemal hat sie es gesagt, als der Doktor sie gefragt hat, wer ich denn sei. Ich dachte, ich würde vor Freude und Stolz aus meinem Fell platzen, so gut klang das, als sie es sagte:

“Das ist Tubs. Mein Daddy hat ihn mir geschenkt.”

Ach, was ein Tag! Ich sollte ihn in meinem Tagebuch rot markieren! Er hat schon wundervoll angefangen. Ich bin nämlich auf ihrem Kopfkissen aufgewacht. Gestern abend ist es mir tatsächlich gelungen, mich vom Tisch zu stürzen und so landete ich neben ihr. Ihr Haar riecht so gut wie ich gedacht habe – ganz fein nach Lavendel und Puder. Ich mag diesen Geruch, über ihm kann ich sogar vergessen, dass es hier sonst überall nach Krankenhaus riecht.

Miranda schlief noch. Natürlich wartete ich geduldig, bis sie aufgewacht ist – obwohl es mir schwerfiel, denn mein Bärenherz klopfte ganz laut. Ich war so gespannt darauf, was sie sagen würde, wenn sie mich entdeckt. Außerdem wollte ich doch endlich wissen, ob ich wirklich ihr Bär bin.

Irgendwann kam eine Schwester. Dummerweise bemerkte ich sie zu spät, sonst hätte ich mich versteckt. Sie war aber freundlich. Sie nahm mich, schaute mich an und lächelte:

“Hallo – du bist wohl neu hier?” Ich brummte – aber sie hörte mir gar nicht zu, sondern wandte sich zu Miranda. “Und du? Wie fühlst du dich heute morgen?”

“Ein bisschen besser.” piepste meine Prinzessin (ich weiß, dass sie eine ist – sie hat’s mir verraten. Ihr Vater Prospero ist ein Zauberer und darum ist sie eine Prinzessin).

“Das ist ja prima. Dann magst du vielleicht eine Kleinigkeit essen? Einen Grießbrei?”

“Ich hab‘ nur Durst.”

“Ich hole dir gleich was!” versicherte die Schwester und setzte mich zurück aufs Bett.

Da war’s, dass Miranda mich das erstemal sah. Sie strahlte – ach, sie ist so hübsch, wenn sie lächelt! Man könnte fast vergessen, dass sie krank ist.

“Ein Bär!” rief sie. “Hast du mir den gebracht?”

“Nein.” Die Schwester schüttelte den Kopf und schaute zu der Tüte mit dem Aufdruck des Spielwarengeschäfts hinüber. “Dein Vater hat ihn gestern mitgebracht. Hat er ihn dir nicht gegeben?”

“Nein.” Miranda streckte ihr freies Händchen aus. “Darf ich ihn haben?”

“Ja, natürlich.” Sie bekam mich, schaute mir tief in die Augen, dann nahm sie mich fest in den Arm.

Ich fühlte mich großartig! Ich kuschelte mich an, schnaufte zufrieden und dachte, dass ich nie wieder woanders sein will.

Und ich scheine Glück zu haben – inzwischen sind Miranda und ich nämlich richtig gute Freunde geworden. Sie hat mir erzählt, dass ihr Zauberer manchmal ein bisschen vergesslich ist, aber trotzdem ganz nett und dass sie zuhause noch eine Mutter und einen großen Bruder hat und einen kleinen Bären und eine Katze und einen Hund. Aber ich werde trotzdem Tubs, der Lieblingsbär sein und mit ihr in ihrem Bett schlafen dürfen.

Zweites Heft:

Wie meine Prinzessin und ich aus dem Krankenhaus entlassen wurden, in ihr Zuhause kamen und sie mir das Leben rettete

… folgt in der nächsten Ausgabe von “Mephistopheles”. Schauen Sie wieder rein auf “Mephistopheles – Bärotika”, den Seiten, auf denen Sie alles über Bären lernen können!



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