Fußball – das Ende der Unschuld
Ach, wie haben wir uns doch in den letzten Jahren diebisch gefreut (die zwei, drei Bayern-Fans mal ausgenommen), wenn der mit viel Geld und noch größeren Ansprüchen gestartete FC Hollywood sich mal wieder an seiner eigenen Parole, die da meist Meisterschaft und internationaler Titel hieß, verschluckt hatte. Wie haben wir es genossen, wenn der einseitig hochbegabte Mario “für den Turbozug im Gymmi hätte es nicht gereicht” Basler als Sündenbock für den hausintern gezüchteten Mißerfolg herhalten mußte. Oder wie haben wir über den schon legendären Ausbruch “Flasche leer” von Ex-Trainer Trappatoni gelacht, der bei seinen italienischen Landsleuten höchste Verstörung auslöste, weil Trap zum ersten Mal nach über 30 Jahren Fußballbühne so richtig aus der Haut gefahren war.
Und was haben wir nicht geunkt, als zu Jahresbeginn Leute wie Ottmar “Hat seinen Zenit schon überschritten” Hitzfeld oder Stefan “predigt mit dem Mittelfinger” Effenberg zu den Bayern wechselten. Und wie haben wir uns über Deutschlands lautesten Rentner amüsiert, dessen Medienpenetranz nur noch von seiner Zahl an Länderspielen übertroffen wird.
Und nun?
Nun stehen wir alle da wie der Torwart, der den von ihm selbst verschuldeten, mit der fünften gelben Karte bestraften, Elfmeter durch die Hosenbeine bekommen hat. Die Bayern sind Meister und drohen mit weiteren Titeln, die sie dann mit einer ungnädigen Arroganz feiern werden, daß wir alle am liebsten wie die grauen Mäuse im hauseigenen Tabellenkeller verschwinden möchten.
Schlimmer noch, Uli “wo ich bin ist oben, selbst wenn das heißt, daß die Hölle über dem Himmel liegt” Hoeness und der selige Franz “ja ist denn schon Weihnachten – joo” Beckenbauer haben den Beweis angetreten, daß Erfolg doch käuflich ist. Alle Nichtbajuwaren haben davon gelebt, daß im Fußball erstens alles anders kam als man zweitens zu denken pflegte. Daß ein Aufsteiger zum Meister werden konnte. Daß eine Mannschaft mit Herz mehr wert war als eine Mannschaft mit Sesterz. Daß große Taten auf den Spielfeld nicht auch große Worte auf der Tartanbahn bedeuteten.
Dieser Stachel sitzt tief. Und in der Morgenröte der totalen Kommerzialisierung (sogar der vierte der Bundesliga kann jetzt ein Champion sein, soso) wird sich zeigen, ob die Bayern mit diesem überlegenen Erfolg nicht den Ast des Interesses abgesägt haben, von dem sie bisher alle ihre Früchte geerntet haben.
Umberto, 10. Mai 1999
Es kann nur eine Frage der Zeit sein, bis Aussprüche wie “Ich habe fertig” und “Ja ist denn heut’ schon Weihnachten?” als feste Bestandteile der deutschen Sprache ins Sprichwörterbuch aufgenommen werden … Herzlichst, Mephisto
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