Experiment gelungen:
Yo-Yo Ma: Simply Baroque

Sony Classical, SK 60680
Gesamtspielzeit: 69′06
Aufgenommen 1999

Yo-Yo Ma, Cello
The Amsterdam Baroque Orchestra
Ton Koopman, Dirigent, Orgel und Cembalo

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Wertung: 3 Mephistos

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Nachdem sie hartnäckig genug beworben wurde und das Cover mir schließlich auch in der wöchentlichen Fernsehbeilage des Lokalanzeigers begegnete, mußte ich sie schon der Neugier wegen kaufen, konnte ich die “Brandenburgischen Konzerte” doch bald auswendig daherpfeifen. Die kleine Anlage im Arbeitszimmer verlangte nach neuer Nahrung.

Etwas skeptisch war ich ja schon: “Berühmte Vokal- und Instrumentalstücke von Bach, neu arrangiert für Cello und Orchester” – als ehemaliger Kirchenmusiker, der mit Bach quasi aufgewachsen ist, bekommt man da puristische Anwandlungen und fragt sich, ob Bach die Stücke nicht gleich für Cello komponiert hätte, wenn das der Musik gemäß gewesen wäre.

Aber da “Erbarme dich” aus der Matthäus-Passion auf dem Programm stand, konnte ich mir diese CD nicht entgehen lassen.

Um es vorwegzunehmen: Ich wurde ganz und gar nicht enttäuscht. Yo-Yo Ma beherrscht sein Instrument ganz hervorragend und beweist, daß auch ein Cello singen kann. Mein unbestrittenes Lieblingsstück wurde dann ganz unerwartet “Sei Lob und Preis mit Ehren” (BWV 167), das erste Stück auf der CD (fällt ganz klar in die Kategorie: kann man sich in unendlichen Wiederholungen anhören, bis die Nachbarn auf der Matte stehen).

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“Erbarme dich” aus der Matthäus-Passion (BWV 224) dann wundervoll wehklagend-schmeichelnd, mit einem ganz feinen Vibrato und sicherer Intonation, sauber phrasiert, jede Sängerin wäre froh, wenn sie das so hinkriegen würde. Dennoch, zu Tränen kann mich hier doch nur eine volltönende Altstimme rühren, gerade in den höheren Lagen wird mir das Streichinstrument da zu dünn.

Festlich schreitend dann “Jesus, bleibet meine Freude” (BWV 147), die Tatsache, daß der Text wegfällt, läßt einen viel aufmerksamer als sonst auf die Melodie achten und das Stück auf neue Weise erleben.

Fröhlich und beschwingt dann die Geigen in “Ertöt’ uns durch dein’ Güte” (BWV22) – hier, in den temporeichen Stücken, gefällt mir die CD am besten.

“Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ” (BWV 639) dann wieder ein inniges Flehen, die Triller gehen dem japanischen Cellisten leicht von der Hand, sparsam begleitet von Orgel und Laute.

Fast wie eine Etüde für Cello mutet dann “Kommst du nun, Jesu, vom Himmel herunter” (BWV 650) an.

Wieder sehr würdevoll und gemessen: “Laß mein Herz die Münze sein” (BWV 163), von fast Schütz’scher Klarheit. Das Amsterdam Baroque Orchestra unter Ton Koopman begleitet virtuos und dezent, lediglich das Solofagott klingt etwas zaghaft.

Weich dann das Solo der Blockflöte in “Dein Blut, der edle Saft” (BWV 136), ein ganz kleines, aber feines Intermezzo.

Als feierlicher Abschluß dann das berühmte “Air” aus der Suite III (BWV 1068), technisch perfekt, spannt Yo-Yo Ma die weiten Tonbögen im Crescendo – ein ungewöhnliches Klangerlebnis. Auch hier aber – die “große” Version gefällt mir besser. Das Air braucht ein großes Kuppelgewölbe und passendes Orchester, um entsprechend zu wirken.

Die zweite Hälfte hat dann das Amsterdam Baroque Orchestra mit Luigi Boccherini für sich: Concerto in G Dur für Cello (G. 480) und Streichorchester und Concerto in D Dur für Cello und Orchester (G. 478), heitere italienische Klänge, die man auch gern zu einem erlesenen Mahl und feinem Wein genießt.

Alles in allem ein ganz besonderer Hörgenuß, den man sich immer wieder gönnen kann und auch gern guten Freunden vorspielt oder schenkt.

Olivia, 10. Mai 1999

Und so werten wir:

0 Mephistos: Diese CD ist Bastelmaterial. Sobald wir einmal etwas mehr Zeit haben, werden Sie die Scheibe auf der (noch zu begründenden) Mephisto-Bastelseite wiederfinden – schauen Sie dann unter “Wir schnitzen uns einen wasserfesten Bierdeckel” oder “High-Tech-Unterlegscheiben für wackelnde Tische” nach.

1 Mephisto: Ja, sicher, es gibt bestimmt Leute, die diese CD mögen (es soll ja auch Leute geben, die freiwillig CDs von den “Lustlosen Oberländern” kaufen). Dumm ist nur, dass wir niemand kennen, dem wir sie schenken könnten.

2 Mephistos: Doch, die kann man mal wieder hören und auch jemand schenken, den man mag.

3 Mephistos: Rundrum gelungen und erfreulich, eine CD, die man gerne im Schrank und noch lieber in der Anlage hat.

4 Mephistos: Das wäre eine von den dreien, die wir auf die berühmte einsame Insel mitnehmen würden.



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