Editorial:
“Hasse ma ne Maak?”
Von Olivia Adler
Seien Sie ehrlich: Geben Sie die Mark nicht auch gern, ohne genau hinzusehen, wer Sie da gerade angesprochen hat, nur damit Sie weitergehen können, unbehelligt, und beruhigt?
Auch im Netz sind die Spendenaufrufe unübersehbar – Sie springen uns an in Form von bunten Bannern, Werbespots, Überweisungsaufträgen, gerade jetzt, während der Krieg in Jugoslawien wütet und die schnelle Spende wenigstens ein bißchen Seelenfrieden bringt.
Um es gleich vorweg zu sagen: Natürlich sind die meisten Spenden gut und sinnvoll, dennoch wird hier eine Tendenz, sich “freizukaufen”, sichtbar, Ablaß auf Spendenquittung gewissermaßen.
Da gibt es eine Aktion im Netz, maßgeblich von der “Blinden Kuh”, Suchmaschine für Kinder, ins Leben gerufen. Kinder sollen Spielsachen für Kinder in Kosovo spenden, sich von etwas trennen, um einem anderen Kind zu helfen, möglichst noch einen Brief dazu schreiben, damit Kontakte aufgebaut werden können, die auch über den Krieg hinaus bestehen bleiben. Die Idee dahinter: Ein weltweites Netzwerk von Kindern, unabhängig von politischen und marktwirtschaftlichen Interessen. Persönlich helfen, statt andere machen zu lassen.
“Klasse”, denkt man sich da, “auf die Art werden aus Statisten für Nachrichtenbilder wieder Menschen, und gerade für die Kinder wäre es wichtig, unmittelbaren Kontakt zu bekommen.”
Und doch zögern viele. Die Medien berichten, brav werden die Banner geschaltet, aber so wie berichtet wird, scheint es nur eine weitere Aktion unter so vielen zu sein, ganz so als ob es reichen würde, wenn ein Spielwarenhersteller sich publikumswirksam von ein paar Lagerbeständen trennte, und außerdem haben wir doch erst letzte Woche 50 Mark an Unicef gespendet, die machen das.
Dabei geht es hier nicht allein um den tröstenden Teddy, sondern um die Tatsache, daß Kinder die Möglichkeit haben sollen, selbst zu helfen, etwas von sich herzugeben, zu lernen, daß Teilen im Leben wichtig ist und daß der Verlust des geliebten Spielzeuges am Ende einen ungleich größeren Gewinn nach sich ziehen kann – einen Freund im fremden Land, von dem man eine Menge lernen kann, dem man das Leid ein bißchen erträglicher machen kann, mit dem man in Verbindung bleiben kann, sich eines Tages vielleicht sogar besuchen und weiter aufeinander zugehen.
Da steht eine Vision dahinter, die Vision einer wirklich vernetzten Welt, die sich nicht auf Absichtserklärungen und Versprechungen beschränkt, Machen statt schwafeln.
Fürstenfeldbruck, den 11. Mai 1999
Link: http://www.blinde-kuh.de/kosovo (nicht mehr online)
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