Der nackte Ficus

Von Tempest

Wenn man mit seinen Zimmerpflanzen redet, gedeihen sie viel besser. Das ist eine alte Weisheit. Und weil ich sonst nicht viel Aufhebens mit den Dingern mache, labere ich sie wenigstens zu. Damit habe ich kein Problem, von wegen nicht ganz allein oder was? Kritisch wird es nur, wenn ich eines Tages Antworten bekomme.

Aber egal, fest steht: Meine Grünpflanzen haben Persönlichkeit. Wie zum Beispiel der Ficus Robusta (auch “Gummibaum” genannt), der unbedingt an das andere Fenster gestellt werden wollte. Er hat solange von unten her Blätter abgeworfen, bis er nicht nur bis zur Hüfte völlig nackig war, sondern mich auch erweicht hatte, ihm den guten Fensterplatz zu geben. Darüber war allerdings die Dracaena-Palme nicht ganz glücklich und fing nun ihrerseits an zu meckern. Doch von so ein paar braunen Spitzen ließe ich mich nicht beeindrucken, habe ich ihr gesagt. Offenbar war sie dann doch nicht zu solch drastischen Maßnahmen wie der Ficus Robusta bereit und kriegte sich wieder ein.

Besondere Aufmerksamkeit zieht stets meine Marante auf dem Schreibtisch auf sich. Am Morgen senkt sie ihre wunderschön rot und hellgrün ornamentierten Blätter vertikal nach unten, um sie in die pralle Morgensonne zu halten. Nachts breitet sie sie wie Arme nach allen Seiten aus, um das spärliche Licht meiner Lampe zu erhaschen. Wenn man diesen Wandel eine Weile beobachtet, könnte man denken, sie schämt sich, tagsüber von allen Leuten betrachtet zu werden und bedeckt ihre Blöße mit den gesenkten Blättern. Vielleicht leidet sie ja auch an mangelndem Selbstvertrauen? Nur nachts geht sie so richtig aus sich heraus. Wenn ich abends noch spät am Computer sitze, macht sie sich mit Vorliebe einen Spaß daraus, mich zu Tode zu erschrecken, indem sie ihre Blätter nach oben schnippen läßt. Sie können sich denken, wie gruselig das ist, wenn sich plötzlich ein Bäumchen vor Ihrer Nase bewegt.

Mangelnde Intelligenz muß ich leider der Pantoffelblume unterstellen. Die blüht wie ein Weltmeister, wenn man sie düngt. Doch die Büschel mit bis zu fünf walnußgroßen Blüten, die an den dünnen Stengelchen hängen, halten die schwere Last beim besten Willen nicht aus und senken sich so zu einem traurigen Anblick herab. Nicht besonders unternehmungslustig ist in diesem Jahr das violette Usambaraveilchen mit den satten dunkelgrünen Blättern. Im Vorjahr blühte es prächtig, doch bisher schauen noch nicht einmal Knospen durch die dicke Blätterdecke. Ich habe den Verdacht, daß sie irgendjemand totgießt, wenn ich nicht im Lande bin. Aber das läßt sich schlecht beweisen, denn noch antworten meine Blumen ja nicht.

Obwohl ich mir da manchmal nicht so ganz sicher bin. Denn auch Mimik kann sehr ausdrucksstark sein. Zum Geburtstag bekam ich jüngst eine Passionsblume geschenkt. Die rankenden Pflanzen haben wunderschöne Blüten, die wie ein kleines Kunstwerk aussehen. Bei meiner Mutter stand sie schon eine Weile im Flur, was ihr wohl gar nicht behagt hat. Nun habe ich sie an einem der Fenster in meinem Wohnzimmer plaziert. Kaum einen Tag danach war Visite angesagt. Ich drehte sie also herum und – Überraschung! – sie streckte mir grinsend eine ihrer herrlichen Blüten entgegen. Wie ein Sonnengesicht strahlte mich das Teil an und ich wußte, daß sie glücklich ist.

Ein possierliches Kerlchen ist das kleine Pflänzchen mit den knallrosa gesprenkelten Blättern. Ich hab’s “Duda” getauft, weil ich seinen korrekten Namen nicht kenne. Das zarte Ding schluckt das Wasser so schnell weg, daß sogar die fast mannshohe Dracaena staunt. Wenn ich am Wochenende heimkomme, sieht sie jedesmal mausetot aus, hängt ihre schlaffen Blätter in alle Himmelsrichtungen hinab und wirkt richtig elend. Doch kaum gieße ich ihr einen Schwapp Wasser auf die steinharte Erde, erwacht sie wieder zum Leben. Kaum eine Stunde nach der Notwässerung steht sie wieder wie eine Eins.

Übermäßige Zuwendung ist ja meist der Grund für das frühe Ableben von Pflanzen. Die einzigen, die kaum totzukriegen sind, sind Kakteen. Ich habe zwei davon, eine spitzblättrige Aloe, die von oben betrachtet wie ein Pentagramm ausschaut und einen Igelkaktus. Letzterer haßt es, wenn ich ihn ersäufe. Er sitzt aber in so einem winzigen Topf, daß ich mir immer denke, daß er doch gar keine Reserven hat. Gieße ich dann zu üppig, zutscht er in seiner Not alles auf. Da sitzt er also, aufgeplustert wie ein Gockel. Haben Sie eine Ahnung, wie grimmig so ein Kaktus mit aufgeblähten Backen dreinschauen kann?

Tempest, Mai 1999



Artikel bewerten:

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne (Noch keine Bewertungen)
Loading ... Loading ...

Hinterlasse einen Kommentar

Bitte lesen Sie vor dem Kommentieren die Datenschutzerklärung.