Ver-nichte-t

Von Tempest

Computer und kein Ende …

Wenn man der einzige Mensch der Familie ist, der ein bisserl Ahnung von Computern hat, sollte man sich lieber gleich erschießen. Das scheint mir jedenfalls der einzig wirksame Schutz gegen blöde Fragen und ewige Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen zu sein.

Da wäre zum einen mein Bruder. Er schleppt nicht nur mehr Viren als Spiele an, sondern installiert auf seiner lahmen Kiste auch jeden Schrott, den er kriegen kann. Wenn sein Rechner hochfährt, lädt er erst zehn Minuten lang alle möglichen Tools und Plugins und startet sämtlichen Mist vom Office-Paket bis zum Uralt-Virusprogramm, das zu alt und blöd ist, um mit beiden Händen seinen eigenen Hintern zu finden.

Meine Mutter ist noch putziger. Die wundert sich, warum ich neben dem “Computer” (das von ihr so bezeichnete Teil heißt in meiner Welt “Monitor”) noch so einen lustigen Kasten mit Knöpfen und Lichtern stehen habe. Und Opa könnte mir stundenlang fasziniert beim Maus-Fahren zusehen. Mein Wellensittich zeigt seine Wertschätzung für Rechner schon etwas anschaulicher. Er kackt wortlos auf das Objekt des Unverständnisses.

Richtig happig wurde es aber erst am vergangenen Wochenende, als ein böser, böser Virus den Firmencomputer meines Onkels und meiner Tante im Minutentakt zum Abstürzen brachte – was mir eine Nachtschicht und üble Kopfschmerzen bescherte. Bereits die Ursachenforschung erinnert an die Gameshow “Sag was!”.

Man stelle sich das so vor: Das Telefon klingelt zur besten Tagesschauzeit und mein Onkelchen meint:

“Unser Dings, unser Computer ist kaputt…”.

Aha. Kaputt also. Ist er vielleicht aus Versehen aus dem Fenster gefallen? Oder hat sich der Bildschirm so unglücklich im Mauskabel verheddert, dass er sich stranguliert hat?

“Nein, er geht immer aus.”

Ohne was zu sagen, soso.

“Hmmm, immer beim Schreiben!”

Auch das noch. Könnte vielleicht das Word “kaputt” sein? “Ähhm, jaaah?!” Gut, wann geht er denn noch aus?

“Beim Zeichnen. ”

Hmmm. Kann also nicht nur am Text-Teil liegen.

“Ähh, wenn Du meinst.”

Ja, meine ich. Ist es vielleicht das Betriebssystem?

“Wir haben kein Betriebssystem!” Onkelchen klingt, als ob ich ihm was unanständiges unterstellt hätte. “Wir schreiben ja nur unsere Rechnungen und machen technische Zeichnungen.”

Kein Betrie…. Und was ist mit Windows?

“Jaja, Windows ist drauf!”

Also doch. Vielleicht reicht es ja schon, das Windows 95 einfach noch mal neu zu installieren.

“AAAAhhhh! Aber dann wird doch alles gelöscht!!!!”

Wie, gelöscht? Gar nichts wird gelöscht. Nur das Windows wird neu drübergebeamt.

“ÄÄÄÄh, naja, gut. Wie geht denn das????”

Schnauf! CD rein, “Start” klicken und warten.

“Geht klar.”

Nach etwa einer Stunde (!) klingelte es erneut.

“Es geht nicht. Das CD-Laufwerk ist weg!”

Wie, weg? Könnt ihr es nicht mehr sehen???

“Doch, aber es ist irgendwie weg.”

Ganz ruhig, ich komme!

Nach dieser Ferndiagnose war ich eigentlich bereits reif für die Insel – speziell für Prosperos abgeschiedenes Island. Vorsorglich rückte ich nun mit einem Virusprogramm bewaffnet bei den reichlich verstörten Menschen an. Der gleiche Infekt hatte mein schnuckeliges Computerchen wenige Tage zuvor ereilt. Das Killen war kein Problem.

Naja, bei Onkelchen und Tantchen lag die Sache anders. Die haben von dem Virus gar nichts mitbekommen. Wer braucht schon ein CD-ROM-Laufwerk? Ist das Buchhaltungsprogramm erst mal drauf, dreht sich dort jahrelang nichts mehr. So konnte sich unser kleiner Schelm ungestört ausgebreiten. Mit dem Ergebnis, daß der Computer nach dem Start eines beliebigen Programmes nach etwa zwei Minuten abstürzte.

Nachdem ich zuhause eine Stunde lang die neueste Version eines Antivirus-Programmes aus dem Netz der Netze geladen hatte, packte ich das Teil auf zehn Disketten und stapfte wieder los. Mein Rekord war die sechste Diskette. Weiter bin ich beim Entpacken nicht gekommen. Ich konnte den Virus kichern hören, ich schwöre es!

Aber das alles war längst nicht so schlimm, wie die Kommentare der wilden Schar, die sich um den Patienten versammelt hatte. Dazu muß man wissen, daß mein Onkel schon seine CNC-Drehmaschinen für Computer hält, weil sie mehrere bunte Knöpfe mit englischer Beschriftung haben. Nur Tantchen wagt sich an den PC.

“Und was machst du da für einen Virus drauf?” fragte mein Onkel und starrte auf den Packen Disketten.

Mein Gott! Ich mache ein ANTI-Virusprogramm drauf – oder versuche es zumindest.

“Wie entsteht so ein Virus?” schaltete sich nun auch meine etwas minderbemitteltete Cousine ein. Bevor ich auch nur den Mund öffnen konnte, erklärte mein Tante im typischen Belehrungtonfall, daß man nur eine falsche Taste drücken brauche! Ich war so sprachlos, daß ich nicht mal gemerkt habe, daß die logische Antwort gewesen wäre “Warum schreibt man dann nicht eine Warnung auf diese Taste???” Aber egal, jede Erklärung ist in so einem Fall eh sinnlos.

Da sass ich also und versuchte ihnen schonend beizubringen, daß das so mit dem Viruskillen nicht funktionieren wird.

“Müssen wir ihn jetzt wegschmeißen?”

Ich war zwar versucht, “Ja!” zu sagen, ließ es aber wegen des Familienfriedens sein. Statt dessen versprach ich, die Woche über nach kleineren Programmen Ausschau zu halten.

Mit weiteren Disketten voll verschiedener Virusprogramme rückte ich am folgenden Wochenende wieder an. Schon an der Tür sagten sie mir, daß ich nicht mehr gebraucht würde. Eigentlich hätten sie ja warten wollen, bis ich wieder im Lande bin, aber dann hätten sie doch einen Bekannten angerufen. Der kam, sah und siegte, wo ich bisher nur Fehlschläge hatte. Zonk! Ich hatte den Streß und die Rennerei und ein anderer räumt die Lorbeeren ab. Könnte mich mal jemand erschießen?!

Tempest, Mai 1999



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