Editorial:
Star Wars – oder: Früher war alles besser?

Von Sibylle Luise Binder

Nein, ich habe den neuen Film auch noch nicht gesehen. Aber ich kann Herrn Lucas schon ein großes Kompliment machen: Ich liebe seinen Sinn für Ironie.

Wie ich darauf komme? Ganz einfach: Im Gegensatz zum ewigen Star Wars “Konkurrenten” Star Trek, wo Fortsetzungen “hinten” an die bereits bekannten Geschichten angestrickt werden, hat George Lucas beschlossen, dass Science Fiction und Geriatrie nicht zusammenpassen. Während Star Trek uns eines Tages wahrscheinlich mit “ST XII: Das Altersheim im All” erfreuen wird (ich sehe schon, wie Picard und Janeway einträchtig auf dem Bänkchen sitzen: Sie wird über die Bandscheibenprobleme jammern, die sie sich eingefangen hat, weil sie zu oft in ihren Pumps ausgerutscht ist, während er über das Rheuma klagt, das er dem Sprung in den See zur heldenhaften Rettung einer Blondine zu verdanken hat), zeigt George Lucas uns, wie alles angefangen hat – und nur ganz böse Leute behaupten, der neue Film hätte eigentlich “Was Sie garantiert nicht über Star Wars wissen wollten und darum nie gefragt hätten” heißen sollen.

In jedem Fall aber erfüllt der neue Star Wars Film ein Grundbedürfnis bei vielen Leuten – nämlich das, in ihrer Weltanschauung bestätigt zu werden, die da heißt: “Früher war alles besser”.

Früher – also, damals, als wir noch jung und knackig waren – war Star Wars noch eine Parabel auf den alten Menschheitstraum, dass das Gute das Böse besiegen kann, dass der David gegen Goliath ankommen kann, weil seine Motive hehr und edel sind, dass der Außenseiter-Regisseur George Lucas gegen ganz Hollywood anstinken konnte, weil er an seine Weltraum-Saga und natürlich an sein Publikum geglaubt hat. Heute aber – also, nicht einmal der hartgesottenste Star Wars-Fan kann’s noch abstreiten – ist der Kinofilm sowas wie ein aufgeblasener Werbespot zur Förderung des Verkaufs von Star Wars Büchern, Puppen, Bettwäsche, Tassen, Poster, Karten, Kostümen und was den Herrschaften von der Merchandising-Abteilung sonst noch so alles eingefallen ist (übrigens: Ich warte auf das Star Wars Klopapier mit der Aufschrift “May the force be with you”).

Sie werden zugeben: Von dem Standpunkt aus gesehen hat’s was ironisches, dass wir im Kino bald erfahren werden: Im Star Wars Universum war früher nicht alles besser. Schade nur, dass diese Ironie wohl bei einem großen Teil des Publikums nicht ankommen wird. Ich wette schon heute: Wir werden nach dem Kinostart in so und so vielen Rezensionen lesen und von so und so vielen Kinobesuchern hören, dass früher alles besser war – damals, als Star Wars noch jung und unschuldig war. Mich wird das allerdings nicht hindern, Spaß an dem Film zu haben – und ich hoffe, Sie auch nicht.

Stuttgart, den 24. Mai 1999

“May the force be with all of us!”



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