AusgeflIPpt

“Was machst du da?” fragte ich meinen Steppke (na gut, es hätte ihm sicher nicht gefallen, wenn er gehört hätte, daß ich ihn mit seinen 13 Jahren noch als Steppke bezeichnet hätte).

“Die Straßenlampe abfragen.”

Ich zog eine Augenbraue hoch. Ich war es ja gewohnt, daß ich die Jugend nicht immer verstand, aber das lag eher an der Wahl der Worte und nicht an deren Sinn.

“Die Straßenlampe?”

“Ja, den Beamer. Lins’ halt her!” Er zeigte auf das Display seines Rechners, den er nach seinem langen Krankenhausaufenthalt im Juni kurz vor seinem 13. Geburtstag geschenkt bekommen hatte und der seitdem eine große Faszination auf ihn ausübte (vielleicht bin ich pedantisch, aber “ausgeübt hatte” ist für mich etwas abgeschlossenes. Da Steppke aber wohl immer noch fasziniert ist…). Sein erstes Modell, das keine Jugendschutzmechanismen implementiert hatte, endlich konnte er sich ohne Beschränkungen im Netz bewegen und genoß die neue Freiheit ausgiebig.

Auf dem Schirm, flach und scharf, erkannte ich ein mir unbekanntes Tool, das sich in der Fensterüberschrift als “finger” identifizierte. Darunter befanden sich sieben Felder, links ein leeres Feld und rechts daneben sechs mit Zahlen.

“192.223.67.77.123.114″ entzifferte ich. In der Listbox darunter stand ein Text: “Stadtbauamt Stuttgart – Straßenbeleuchtung Na-Dampf-Lampe #3468, IP:192.223.67.77.123.114, Vaihinger Landstraße 34 Lampe ok und an seit 2h 34min 16.3s, akt. Leuchtstärke: 2324 Lux Betriebsdauer gesamt: 684h 41min 54.3s Lebensdauerende erwartet: 3/2023″

Ein gewisses Unverständnis konnte ich nicht leugnen. Was hatte die Straßenlampe vor unserem Haus mit seinem Computer zu tun?

“Mann, Paps, hast du schon mal Netzanschluß gecheckt?”

Mein Steppke, wollte er mich provozieren? Auch wenn ich nicht vom Fach war, wußte ich natürlich, daß seit 2005 jeder Wohnungsneubau mit einem sogenannten Breitbandanschluß ausgestattet wurde, der die frühere Buchsenvielfalt von Telefon und Kabelanschluß zusammengefaßt und ersetzt hatte (nicht, daß ich mit der Zahl 155 Mbit etwas hätte anfangen können, aber der Wert schien mir ziemlich hoch). Die dazu gehörende Buchse fand sich in jedem Zimmer unserer Wohnung wieder.

Über ein einfaches Steckersystem hingen im Zimmer meines Steppkes sein Computer und der Fernseher an dieser Buchse.

“Werd’ mal nicht altklug, Kurzer. Ich habe schon im Netz gesurft, als du….”

“Und du hast schon mal IP-Adresse gecheckt?”

Ich merkte, daß ich im Begriff war, meiner väterlichen Autorität verlustig zu gehen. Klar hatte ich in diversen Computerzeitschriften von diesen Adressen gelesen und ich erinnerte mich auch, daß mein Freund Stefan, der Computerfreak, der mir immer den Rechner eingerichtet hatte, von diesen Adressen gesprochen hatte. Er hatte auch versucht, mir die tieferen Hintergründe zu erklären, aber weiter als bis in die Tiefen der Textverarbeitung und Tabellenkalkulation wollte ich mich damals nicht vorwagen und hatte diesen Entschluß bis heute auch nicht geändert.

“Klar” antwortete ich leicht unsicher und suchte nach Worten. “Fast jedes elektronische Gerät hat heute eine”, zog ich mich auf mein Zeitungswissen zurück.

“Striker!”, er unterstrich den Ausruf durch eine merkwürdige Handbewegung. “Zum Beispiel dieser Computer, diese Glotze oder der Kaffspender in der Küche. Alle diese Teile haben eine IP-Adresse, die sie idented.”

Ich bemühte mich, nicht rot anzulaufen; daß unsere Kaffeemaschine auch so eine IP-Adresse hatte, war mir bisher entgangen.

“Und mit dieser Soft kann ich das Teil scopen. Wenn man die Nummer gecleared hat.”

Ich bekam den Satz gerade noch zusammen.

“Und woher weißt du die?”

“Von Floris.”

Floris, sein bester Freund, besaß schon länger einen unbeschränkten Rechner und ich erinnere mich an die langen Stunden, in denen mein Steppke, wenn er mal nicht bei Floris vor der Kiste saß, mir mit dem Wunsch nach “diesem Gear” in den Ohren gelegen hatte.

“Und woher weiß es Floris?”

“So halt.” Achselzuckend wandte er sich wieder dem Rechner zu.

“Hey, hey, ich habe deine Frageketten auch immer beantwortet, also raus damit. Woher weiß Floris das? Hat er es ausprobiert?”

“Von seinem Erzeuger, der arbeitet bei der Misses.”

Mühsam gelang es mir aus seinen Worten abzuleiten, daß Floris Vater bei Microworlds Straight Enterprises arbeitete, der Firma, die aus der Fusion von Microsoft und Networld (früher Netscape) entstanden war und bis auf vernachlässigbare Anteile den kompletten Netzsoftwaremarkt abdeckte.

“Und was bringt dir das?”

“Moaner!”, wieder eine dieser Handbewegungen. “Ich weiß jetzt, daß der Beamer im März 23 abnippelt. Und ich kann jeden Abend sehen, ob die Straßenlampe noch brennt.”

Ich konnte mir gerade noch verkneifen, ihm mit einem “Dazu hättest du auch aus dem Fenster schauen können” zu antworten, denn ich hätte mir schon denken können, welche Worte die dann folgende Tirade enthalten hätte. Retro, Reverser und Silciophoby wären noch die harmlosesten gewesen. Wobei mich gerade der letzte Begriff ärgerte. Hatte nicht meine Generation Nacht um Nacht vor den vorsintflutlichen Rechnern des letzten Jahrtausends gesessen?

Hatte nicht diese Arbeit die Entwickler hervorgebracht, die die heutigen Maschinen entworfen hatten, vor denen man nicht mehr in Ehrfurcht zu erstarren brauchte, weil man nicht mehr in kryptischen Systemdateien herumschrauben (“herumfuhrwerken” isch a bissle arg schwäbisch, denk i) mußte und die Installation eines Druckertreibers keine Schweißausbrüche mehr auslöste, weil es gar keine Druckertreiber mehr gab?

Wer gab diesen Rotznasen das Recht, uns Pioniere als “Siliciophobe” zu bezeichnen?

“Kannst du auch die Straßenlampe vor meinem Büro abfragen?” änderte ich meine Strategie.

“Nope, es ist nicht einfach, die Adressen zu clearen. Auf viele kommt auch einfach nicht drauf.” Er lachte laut. “Und die Retros vom OS/2-Club claimen, daß es überhaupt nicht checked. Diese Zwei-Vierer.”

Ich überlegte schnell, ob es pädagogisch sinnvoll wäre, meinem Steppke zu erklären, daß ich früher auf OS/2 geschworen hatte und ob ich mich darüber aufregen sollte, daß mein erstes 2400bps-Modem, das ich von Stefan gebraucht für den Maustausch gekauft hatte (und das er mir hatte einrichten müssen), nun als Schimpfwort diente. Ich ging in die Offensive:

“Kriegst du auch unsere Kaffeemaschine?”

“Nope, die sind nicht zu clearen.”

“Ja, wer weiß die Adressen dann?”

“Moaner! Die Producer natürlich.” Er ließ seinen PDA eine neue Nummer in das Finger-Programm (ein blöder Name, wie ich fand) einspeisen. “Das ist jetzt Floris Fernseher. Hat ihn 6 Weeks gekostet, die zu clearen.”

Ich starrte auf den Schirm.

“Piony Digital TV “Playtrek”
Software-Rev: 12/b1 Build 1483, Serial#: 003247684
IP: 39.236.23.36.211.2.56
On since 34min 24.3s
Channel: DÖRF (Deutschlands Öffentlich-Rechtliches Fernsehen) – “Gottschalks Funeral” (20.15-22.14) for 32min 23.1s
1 person watching” (da würde ich auch gerne zugucken ;-))

Ein Unsicherheitsgefühl beschlich mich. Hatten wir nicht seit der Jahrtausendwende das strengste Datenschutzgesetz der Welt? Stellten diese Angaben nicht einen erheblichen Eingriff in eben dieses Datenschutzgesetz dar?

Der Output von Floris’ Fernseher ließ mich nicht mehr los. In der Nacht drehte ich mich schlaflos von einer Seite auf die andere. Ich wußte nicht mal so genau, was mich wirklich bedrückte. Aber ich wußte, daß ich irgendwas tun mußte.

So verbrachte ich meinen nächsten freien Tag mit dem Durchsuchen der Webothek nach verfügbaren Titeln zum Thema. Ich mußte mich dringend einlesen, wollte einfach mehr wissen. Wenn schon mein dreizehnjähriger Steppke in der Lage war, die Fernsehnutzung seiner Freunde zu überwachen, was vermochten dann andere Stellen erst zu tun?

Meine Phantasie spielte mir Streiche und ich war nach sechs Stunden Suche keinen Schritt weiter, aber um so beunruhigter. Doch die Klagen von Britta, meiner Frau, daß ich den Tag völlig vertrödelt hatte, lenkten mich für den Abend von meinen Gedanken ab. Doch am nächsten Morgen kamen sie wieder und ich machte während meiner Bürostunde in unverfänglichem Ton eine Umfrage im Arbeitsteam. Jeder wußte über die Existenz der IP-Adressen besser Bescheid als ich, aber keiner hatte sich bisher darüber Gedanken gemacht, was denn für Informationen über diese Adressen abrufbar waren.

Ich beschloß, noch nicht aufzugeben, verband mich mit der Redaktion der lokalen Tageszeitung und verlangte den Ressortleiter Netznews.

“Sie wünschen.” Die Stimme drang kristallklar aus meinem PDA. Auf dem Display erhielt ich die Informationen über meinen Gegenüber.

“Herr Bleiel, ich würde mich gerne mit ihnen über IP-Adressen und deren Informationsgehalt unterhalten.”

“Ja und, Herr Seidler? Was habe ich damit zu tun?”

“Da steckt eine Story drin. Wenn man die IP-Adresse von ihrem Fernseher weiß, kann man ihr Fernsehverhalten überwachen und weiterverarbeiten.”

“Waren sie die letzten 10 Jahre eingefroren? Das ist doch ein alter Hut.”

Ich rang nach Luft.

“Und das stört Sie überhaupt nicht?”

“Warum sollte es? Mit diesen Daten sparen die Unternehmen einen Haufen Geld für unnütze Werbung und können so zahlreiche Arbeitsplätze erhalten, indem sie ihre Produkte zielgerichtet an die Frau und an den Mann bringen.”

Ich beschloß, diese Logik erst später nachzuvollziehen.

“Und warum findet man dann nirgendwo vernünftige Informationen über die Technik?”

“Was wollen denn Sie damit? Ihren Nachbar ausspähen? Dafür ist das System nicht gedacht. Und deswegen brauchen Sie auch eine Sondergenehmigung, um solche Daten auswerten zu können. Und genau deswegen sind die Informationen auch nicht öffentlich zugänglich.”

“Aber es dürfte Ihnen doch bekannt sein, daß man solche Adressen kaufen kann.”

“Natürlich. Aber wenn Sie so eine Adresse anwenden, machen Sie sich strafbar. Und alle Zugriffe werden getraced, weswegen man Sie auch sehr schnell erwischen würde.” Der Redakteur hatte die Verbindung getrennt.

Alarmiert machte ich mich auf den Weg nach Hause und platzte mitten in ein Gespräch, das meine offensichtlich verwirrte Britta mit einem Unbekannten an unserem Küchentisch führte.

“Sind Sie der Erziehungsberechtigte dieses Kindes?” Er hielt mir seinen PDA unter die Nase.

“Arndt Seidler,
geboren: 4.7.2009, IP: 48.68.243.23.122.3 erfaßt seit 5.6.2022

Stopp – ist hier nicht ein kleiner Fehler? Der Bengel ist doch erst sechs, ergo kann er, wenn er 2009 geboren wurde, nicht erst 2022 erfaßt sein…

Eltern: Britta (nicht erfaßt) und Uwe (nicht erfaßt) Seidler
Schüler 7. Klasse, Letzte Bewertung vom 28.8.22: gut
Aktuelle Position: 9°34′23.4″ O, 48°5′31.7″ N (FSG, LB)
IP-Vergehen 2. Klasse am 14.9.2022 um 22.04 Uhr mit IP 39.236.23.36.211.2.56″

Ich schluckte trocken und hart. Mechanisch nickten meine Halsmuskeln für mich.

“Bitte kommen Sie mit.”

Manche Dinge ändern sich nie.

© Uwe Seidler (Umberto), Mai 1999



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