Editorial:
Schönes Wetter heute!
Von Olivia Adler
Die Quecksilbersäule klettert nach den sintflutartigen Regenfällen in schwindelnde Höhen, die Biergärten füllen sich, die Zugriffszahlen in der Web-Statistik fallen, alle freuen sich – und ich leide.
Meine Füße verwandeln sich in unförmige Klumpen, die nur noch in Jesuslatschen passen, das Kind vom Nachbarn kräht mit dem Zwerghahn um die Wette, die Wohnung ist erfüllt vom Raumparfum Marke “Grillrauch”, das Obst in der Küche hat eine Lebensdauer von einem Tag, und an Schlaf ist auch nicht mehr zu denken, weil die Temperaturen auch nachts konstant bei 30 Grad bleiben: Sollten Sie Kollegen oder Bekannte haben, die muffelig und verknittert ins Büro trotten – verzeihen Sie ihnen! Sie logieren aller Wahrscheinlichkeit nach auch in einer Dachwohnung.
Im Arbeitszimmer rotiert der Miefquirl, ein Eiswasser-Fußbad senkt die Körpertemperatur langsam. Warum wird “heiß” eigentlich mit “schönem Wetter” gleichgesetzt? Hitzefrei gibt es nur in Schulen, in Unternehmen ist der Arbeitgeber ab einer gewissen Temperatur lediglich verpflichtet, gekühlte Getränke bereitzustellen, aber sowas wie eine zulässige Höchsttemperatur für Büros gibt es nicht. In unserer Verzweiflung behalfen wir uns seinerzeit damit, die Papierkörbe als Fußwannen für Kaltwasserbäder zu mißbrauchen. Unser Chef hatte zwar eine Klimaanlage, fand die aber nicht effektiv genug, um uns auch eine zu finanzieren.
Man gewöhnt sich ja dann schon gewisse Tricks an – morgens alle Fenster aufreißen und dann den Zeitpunkt nicht verpassen, wo sie wieder geschlossen werden müssen, damit aus der frischen Brise nicht heiße Luft wird. Ab einem gewissen Grad hilft dann nur noch ein Ventilator frontal ins Gesicht – auch wenn die Erkältung damit schon vorprogrammiert ist.
Ein Besuch im Schwimmbad bringt etwas Abkühlung – aber angesichts der Massen, die sich da im Wasser tummeln, ist es unmöglich, auch nur eine Bahn geradeaus zu schwimmen, ohne mit mindestens drei anderen geölten Rostbratwürstchen zu kollidieren. Jetzt wünscht man sich, man wäre stinkreich und hätte einen Pool im Olympia-Format für sich ganz allein – oder man macht sich auf die Suche nach einem verschwiegenen Bergsee, den garantiert kein anderer kennt. Nur dumm, dass man da kein Notebook anschließen kann …
Das warme Wetter hat aber auch etwas Gutes – die Wäsche trocknet schnell (die Blumen im Garten auch), und mit einem gepflegten Weißbier im Schatten einer alten Eiche läßt es sich glatt noch aushalten.
Übrigens: Spenden für ein Grönland-Übersommerungsstipendium der Mephisto-Chefredaktion werden gern genommen. Wir versprechen auch, dass wir dort ganz inspiriert sein werden und Sie mit vielen guten Geschichten versorgen.
Fürstenfeldbruck, den 8. Juni 1999
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