“Denk ich an Deutschland in der Nacht …”

Von Sycorax

Der Ossi aus der Wessi-Perspektive

“Denk ich an Deutschland in der Nacht …

… hat’s mich um meinen Schlaf gebracht” schrieb Heinrich Heine dermaleinst aus Paris – und er dachte dabei gar nicht an deutsche Politik, sondern an seine in Deutschland weilende Verwandtschaft.

Foto (c) Olivia Adler 1983Mir geht’s neuerdings ähnlich wie Heine. Ich lebe zwar nicht in Paris, aber wenn ich an meine neu gewonnene deutsche Verwandtschaft, die Brüder und Schwester im Osten, denke – also, dann ist mir manchmal fast danach, mein Nachtlager zu verlassen und … nein, ich möchte keine neue Mauer aufbauen. Ich möchte lieber auswandern – und erst wieder kommen, wenn der deutsche Einigungsprozeß vollends abgeschlossen ist.

Dabei erinnere ich mich noch gut an die Tage, die mein Verhältnis zu den heute so genannten “Neuen Deutschen Bundesländern” geprägt haben. Der erste ist nun ungefähr 20 Jahre hin – da stand ich, die ich als Süddeutsche weder Verwandt- noch Bekanntschaft in der damaligen DDR hatte, zum erstenmal an der abgebrochenen Elbbrücke in Lüchow-Dannenberg und schaute hinüber auf das andere Deutschland hinter Stacheldraht und vermintem Niemandsland. Mich schauderte – und aus dem heraus entsprang wohl, dass mir ein einige Jahre später, an jenem Novembertag, ein dicker Kloß in der Kehle saß, als ich die Bilder aus Berlin sah – die Menschen, die durch die niedergebrochene Mauer strömten; Wildfremde, die sich auf den Straßen umarmten und spontan miteinander feierten.

Deutschland, einig Vaterland – nie war es mir so schön erschienen wie in diesen Tagen.

Damals waren wir für einen euphorischen Moment nicht das, sondern ein Volk von Brüdern und Schwestern. Doch inzwischen habe ich mehr und mehr das Gefühl, mit einer richtigen “Familienbande” beschert worden zu sein! Das fängt bei der Anspruchsdenke an, die unsere Brüder und Schwestern von drüben teilweise zeigen. “Ihr habt 40 Jahre Fettlebe gehabt – nu‘  könnt ihr uns auch was abgeben!” sprach da einer in eine Fernsehkamera. Er scheint was nicht verstanden zu haben: Dass die bundesrepublikanische “Fettlebe”, um die er uns so beneidet, keinem geschenkt worden ist. Arbeitsplatzgarantie, billige Mieten, Kindertagesstätten für jeden, Fürsorge von der Wiege bis zur Bahre – davon konnten wir nur träumen. Ich habe manchmal das Gefühl, dass manche Ossis, wenn die Rede auf “Marktwirtschaft” kommt, immer nur “Mark” hören und den Rest nicht wahrnehmen, weil sie ihn nicht wahrnehmen wollen. Die “Mark” mögen sie – dass sie nur für den Preis einer Marktwirtschaft mit all ihren Vor- und Nachteilen zu kriegen ist, hat sich bis zu ihnen anscheinend noch nicht herumgesprochen.

Beliner Mauer mit Blick auf den Palast der Republik, (c) Olivia Adler 1983

Wenn’s damit aber schon genug wäre! Was mir bei unseren Brüdern und Schwestern im Osten am meisten auf den Nerv geht, ist ihre – offenkundig von keiner Reflektion erschütterte – DDR-Nostalgie. Ich kriege einen dicken Hals, wenn ich einen Satz höre, der mit “Damals, beim Erich…” anfängt und dann mit einer Lobpreisung dessen, wie’s in der guten, alten DDR war, weitergeht.

Damals, beim Erich, da gab’s keine Arbeitslosen – sagt der Ossi und schaut dabei vorwurfsvoll auf den Wessi, als ob der die Arbeitslosigkeit in den neuen deutschen Bundesländern verschuldet hätte. Dass die DDR wirtschaftlich am Ende war, dass ihre Produktionsmittel hoffnungslos veraltet waren und sie noch nicht mal mehr ihren Eigenbedarf decken konnte – die Saga haben wir Wessis wohl in die Welt gesetzt.

Damals, beim Erich, waren die Mieten billig – sagt der Ossi. Er verdrängt dabei offenkundig erfolgreich die Tristesse der Plattenbausiedlungen und wie sanierungsbedürftig die Altstädte waren.

Damals, beim Erich, funktionierte das Gemeinwesen noch! Da haben die Leute zusammengehalten – sagt der Ossi. Der Wessi wundert sich, weil ihm prompt einfällt, dass die Firma “Horch und Guck” (gemeinhin auch “Stasi” genannt) einer der größten Arbeitgeber der ehemaligen DDR war und Bespitzelung in diesem funktionierenden Gemeinwesen offenkundig ein Volkssport.

Am übelsten wird mir aber, wenn die Brüder und Schwestern aus dem Osten sich zur aktuellen Politik äußern. Kosovo-Krise? Da gab’s doch glatt jene Dame aus Sachsen, die frank und frei in eine westdeutsche Kamera hinein erklärte, wir Wessis seien “Kriegstreiber” und uns habe eben 40 Jahre Erziehung zum Frieden und zur Völkerverständigung gefehlt. Erlauben Gnädige Frau, dass ich kurz nach neben an gehe und den Inhalt meines Magens der Kloschlüssel anvertraue? Danke – das war nötig. Mir wird nämlich übel, wenn ich an die Produkte dieser “Friedenserziehung” denke, angefangen von den unzähligen Toten, die’s an der Grenze zu diesem ach-so-demokratischen, freiheitsliebenden Staat gab über die, die in den Gefängnissen schmorten, weil sie zufällig nicht die Meinung der SED-Herren teilten. Mir wird noch übler, wenn ich daran denke, wie die “Friedenserzogenen” in Springerstiefeln daher trampeln, dumpfe deutsch-nationale Parolen brüllen und Ausländer totschlagen.

Es tut mir leid, Ihr meine Brüder und Schwestern da drüben – Ihr seid beschissen worden. Doch nicht von uns! Es war Eure Regierung, die Euch beschissen hat. Es waren Eure Funktionäre, die sich auf Eure Kosten bereichert haben und die Eure Wirtschaft verkommen ließen. Ihr seid die Verlierer – nicht im Einigungsprozeß, sondern in dem, was voraus ging. Und ich kann verstehen, dass es Euch schmerzt. Ich kann verstehen, dass Ihr nicht die Almosenempfänger sein wollt, die von uns Besserwessis gesagt kriegen, wo’s jetzt lang zu gehen hat.

Aber mit Geschichtsklitterung und Ost-Nostalgie werden wir nicht weiterkommen. Nichts wird besser davon, dass wir jetzt, wo die Mauer gefallen ist, neue Gräben ziehen. Und darum verzichte ich darauf, jetzt weiter den Besserwessi zu spielen – aber dafür tut ihr mir den Gefallen und versucht nicht, mir weiterhin ein X für ein U vorzumachen, ja?

Sycorax, im Juni 1999



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