Deutschland, einig Vaterland – die Ostperspektive

Von Tempest

Der Wessi aus der Ossi-Perspektive

Ich erinnere mich, als wäre es erst gestern gewesen. Meine Eltern waren völlig aus dem Häuschen, rannten aufgekratzt herum und konnten ihre Aufregung einfach nicht verbergen. Ja, die Grenzen waren geöffnet worden. Und jeder, der sich traute, sich bei der Polizei ein Visum zu holen, durfte “nach drüben” fahren. Meine Eltern machten sich mit einem Gefühl zwischen skeptischer Furcht und Euphorie sofort auf den Weg in die Stadt, um sich die begehrtesten Stempel überhaupt in die Personalausweise drücken zu lassen. Und ich erhielt den Auftrag, in der Zwischenzeit den Wartburg zu putzen. Schon allein das machte mir deutlich, daß es ein ganz besonderer Tag sein mußte, denn noch nie zuvor durfte ich Hand an das Familienheiligtum legen.

Am nächsten Tag standen wir in aller Herrgottsfrühe auf, um uns in die Schlange derer einzureihen, die nichts sehnlichster wünschten, als dem Klassenfeind einen Besuch abzustatten. Sieben Stunden brauchten wir für die letzten 20 Kilometer bis zum Schlagbaum – sieben Stunden, in denen das Kribbeln im Magen immer unerträglicher wurde. Was würde uns an der Grenze erwarten? Würde man uns tatsächlich passieren lassen oder war alles nur eine Finte, um die Spreu vom Weizen zu trennen und diejenigen zu entlarven, die mit dem Westen sympathisierten?

Aber da waren ja noch die Berichte im Westfernsehen. Ja, es mußte wohl wahr sein, so unglaublich es auch sein mochte. Und tatsächlich ging alles gut. Wir fuhren an jubelnden und lachenden Bundesbürgern vorbei, die hinter der Grenze Spalier bildeten und uns zur Begrüßung aufs Autodach trommelten. Mit den 100 DM Begrüßungsgeld, von denen wir keinen Pfennig anrührten, stolzierten wir schließlich durch Bamberg. Von der Stadt habe ich damals nicht viel mitbekommen, dafür war ich zu berauscht und immer noch zu verwirrt.

Als auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking die Studenten von Panzern niedergerollt wurden, leisteten wir uns noch heftige Diskussionen mit unserer Staatsbürgerkunde-Lehrerin. Als eine der ersten wurde diese treue Verfechterin sozialistischer Moralvorstellungen in jenen Tagen der Grenzöffnung im Westen gesichtet. Auch anderswo begannen sich die Grenzen zwischen Gut und Böse zu vermischen. Die Werte und auch die Träume, denen wir nachhingen, änderten sich über Nacht. Heute fahren wir nicht mehr an die Ostsee in den Urlaub, sondern nach Mallorca. War das unsere Vorstellung von Freiheit und Abenteuer? Grölende Deutsche vor Fässern voller Sangria?

Rotes Telefon (c) limone

Wir haben uns Meinungsfreiheit gewünscht und bekamen Rechtsradikale und jede Menge Spinner. Meine Großeltern, eben noch irgendwo zwischen Mitläufern und guten Kommunisten anzusiedeln, rannten nun zu jedem Revanchistentreffen und hatten plötzlich, nach fast 50 Jahren, Heimweh nach ihrer “Heimat” Schlesien. Meine Eltern machten Bekanntschaft mit der Arbeitslosigkeit, ich mit dem Kampf um einen Ausbildungsplatz.

Wir wollten so sein, wie die Leute im Westen. Durchgestylt, ein wenig überheblich und erfolgreich. Und Erfolg macht bekanntlich sexy. Wir wollten das Duckmäuschentum abwerfen, wollten weg vom Klischee des Beutel-Ossis und zeigen, was wir drauf haben. Und dafür wollten wir ein Stück vom Kuchen abhaben. Viel ist seitdem passiert, aber längst sind die 40 verlorenen Jahre nicht aufgeholt. Blühen tun die Landschaften schon, aber die Saat will nur sehr langsam aufgehen.

Und dennoch kotzen mich diese Ewiggestrigen an. Nichts war früher besser, auch nicht bei allen Vergünstigungen, die uns das marode System wie selbstverständlich bescherte. Der Staat DDR lebte schon lange nur noch von geborgter Zeit. Denn hinter der Planwirtschaft stand alles andere als ein Plan. Sagt mir, Ihr Unverbesserlichen, wer will schon billige Kindergartenplätze und einen sicheren Job haben, wenn er dafür auf so elementare Dinge wie persönliche Freiheit verzichten soll?

Wir wurden gelenkt und marschierten wie ferngesteuert durchs Leben. Überall hatte der Staat seine Finger im Spiel. Wir wurden von klein auf nach Parteilinie erzogen, in einen Beruf gesteckt, den wir uns nicht aussuchen konnten und hatten zu funktionieren. Um das sicherzustellen, wurden wir belauscht und mit Propaganda überschüttet. Als Schulkind glaubte ich, daß direkt hinter dem grenznahen Berg, den ich vom Klassenzimmer aus sehen konnte, die Atombomben der Westmächte standen, bereit, jederzeit auf uns abgefeuert zu werden. Ich hatte höllische Angst vor Euch, liebe Wessis. Und Ihr glaubt schon, Eure Behörden würden Euch das Leben schwer machen und unverschämt viele Daten über Euch sammeln?

Gut, wir waren damals bescheidener, weil wir keine Ahnung von den Möglichkeiten hatten, mit denen sich freie Leute die Zeit vertreiben konnten. Weltreisen und Bunjeejumping, Springsteen-Konzerte und Kaufrausch drängten sich nun in unser Bewußtsein. Der Kalte Krieg hatte nicht funktioniert, nun wurden wir mit Schokoriegeln, Bügelbrettern und Markenjeans bombardiert. Wir wurden über den Tisch gezogen mit Kaffeefahrten samt “Sonderverkaufsveranstaltungen”, ließen uns schrottreife West-Autos andrehen und verloren unser weniges Geld bei Pyramidenspielen.

Nein, die Schuld an alledem liegt nicht bei den Wessis. Wir Ossis sind nur enttäuscht, weil wir nicht das bekommen haben, was wir im Sinn hatten, als wir bei den Montagsdemos “Die Mauer muß weg” skandierten. Der ganze Westen war für uns ein einziges großes Schaufenster, vor dem wir “Haben wollen!” quengelten. Ganz schnell haben wir lernen müssen, daß der Begriff Ellenbogengesellschaft nicht von ungefähr kommt.

Die Westdeutschen, die wir einst wegen ihres Wohlstandes und ihrer Souveränität bewunderten, sind als Vorbilder verblaßt. Aus dem euphorischen Nacheifern wurde trotziges Eigenbrödeln. Nach zehn Jahren haben wir immer noch eine unterschiedliche Mentalität, andere Ansichten und sind geprägt von unseren Erfahrungen. Darum ist auch der Witz noch so aktuell wie vor einem Jahrzehnt:

Sagt der Wessi: “Wir sind ein Volk!” Sagt der Ossi: “Wir och!”

Tempest, im Juni 1999



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