Editorial:
Mephistos – Matrix – Meinungsvielfalt
Von Sibylle Luise Binder
Außenseiter-Siege haben was. Es geht mir schon auf dem Rennplatz immer so: Wenn ich einmal wette, setze ich mit besonderer Vorliebe so, dass turfkundige Begleiter die Augen verdrehen, weil der, auf den ich da gesetzt habe, doch überhaupt keine Chancen und noch nie was gewonnen hat. Meistens behalten sie recht – und darum wette ich auch so selten auf dem Rennplatz.
Dennoch kann mich wenig mehr freuen als ein Außenseiter-Sieg. Es ist mir jedesmal, als ob damit die so ungerecht erscheinende Welt wieder für einen Moment ins richtige Lot gerückt wäre: Jeder, der sich bemüht, hat eine faire Chance. Und im Zweifelsfall zählen Intelligenz, Mut und Einsatz doch mehr als Geld und cleveres Marketing.
Vielleicht liegt es daran, dass ich mich über den Erfolg der “Matrix” freue. Denn Hollywood hat Ähnlichkeiten mit dem Rennplatz. Es gibt hier wie dort Favoriten, Mitläufer und Loser; es gibt hier wie dort die erfolgsverwöhnten Trainer (nur heißen sie in Hollywood “Produzenten”), die meinen, ihr Glück und ihr Geld würde ihnen weitere Erfolge garantieren; es gibt hier wie dort die Zocker, die mal im Glück und mal in der Pleite sind; es gibt hier wie dort die Spezialisten, die es immer schon im Voraus wissen und den “sicheren Tip” haben. Nur eines unterscheidet Hollywood vom Rennplatz: Das Publikum. Auf dem Rennplatz spielt es keine Rolle, ob es jubelt oder flucht. Für Hollywood aber ist das Publikum entscheidend – und offenkundig teilt es mein Faible für Außenseiter.
Diesmal hat es auf die “Matrix” gesetzt – ein Film, der als Außenseiter an den Start gegangen ist. Er hatte weder einen Produktionsetat wie weiland “Titanic”, noch stand eine Merchandize-Kampagne wie bei “Star Wars” dahinter. In der Titelrolle des Neo steckt keiner der Hollywood-Helden, die pro Film 20 Millionen Dollar kassieren und dafür dann in Talkshows und bei der Oscar-Verleihungen Dankbarkeit und Konformität vorführen.
Die Matrix – der Kultfilm dieses Sommers und uns immerhin eine Mephistopheles-Sonderausgabe wert. Darin waren sich alle Mephistos einig. Nicht einig waren und sind wir uns aber darüber, wie der Film zu bewerten ist – und darum finden Sie hier gleich drei Reviews zur “Matrix”. Wir denken nämlich, dass Mephistopheles Meinungsvielfalt besser ansteht als Konformität. Und weil dem so ist und uns auch Ihre Meinung interessiert, würden wir uns freuen, wenn Sie uns auf dem Mephistopheles-Forum sagen würden, wie Sie die “Matrix” gefunden haben.
Herzlich
Sibylle Luise Binder
Stuttgart, im Juni 1999
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