Alles andere als hölzern:
Marcellos Geige

von Andreas Liebert
Erschienen bei Lichtenberg, München, 1998
423 Seiten, DM 39,90

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Wertung: 4 Mephistos

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Eigentlich sollte ich vor diesem Buch warnen, denn mir hat es nicht nur eine schlaflose Nacht beschert, sondern zudem eine dicke Beule auf der Stirn. Dabei hat es eigentlich ganz harmlos angefangen: “Marcellos Geige” lag neben meinem Bett und sah in seinem braven Stilleben-Cover-Kleidchen fast ein bisschen langweilig aus – und so nahm ich es dann im Gedanken, dass es die ideale Einschlaf-Lektüre sein würde, in die Hand.

Pustekuchen! Nichts war es mit Einschlafen! Statt in Morpheus Armen fand ich mich schon nach wenigen Sätzen in einem römischen Palais im Jahr 1720 wieder. Lichter funkelten, Seide raschelte und ein Gastmahl wurde aufgetischt, bei dem mir das Wasser im Mund zusammen lief. Und dazu gab’s Musik: Corelli wurde gespielt und ich hörte das silbrige Rauschen des Cembalos und den süßen Ton der Guarneri Geige, die die Hauptrolle in diesem Buch spielt. Und da war’s passiert: Ich wollte wissen, was es mit dieser Geige und den Menschen, die mit ihr verbunden sind, auf sich hat.

Sie schafft Verbindungen – geradezu obsessive, angefangen von ihrem “Erstbesitzer”, dem berühmten Komponisten Corelli, der sie mit ins Grab nimmt bis über den, der sie aus der Gruft stiehlt und dem armen Spielmann, der mit ihr sein Glück macht und sie schließlich seinem Sohn Marcello vererbt, der damit seine Virtuosenreise durch Europas Metropolen antritt. Verfolgt wird er von dem Sammler, der nichts mehr will als diese Geige und dafür intrigiert und betrügt.

Was für Charaktere, Schauplätze und Szenen, die Andreas Liebert erzählt! Irgendwann unterwegs, auf der Reise mit Marcello, muss es gewesen sein, dass wieder einmal getafelt wurde – und dabei bekam ich Hunger, ein geradezu unvermeidlicher Effekt bei einem Buch, das so “kulinarisch-sinnenfreudig” Atmosphäre zu schaffen weiß. Und da war es dann auch, dass ich – natürlich mit dem Buch, von dem ich mich nicht losreißen konnte, in der Hand – durch mein trautes Heim Richtung Kühlschrank stolperte und unterwegs gegen eine Tür rannte. Doch auch das hat mich nicht davon abgehalten, weiter zu lesen und so graute dann schon der Morgen, als ich mit dem Buch durch war und mich mit einem Lächeln und der Vorfreude, auf eine zweite, langsamere Leserunde, zur Ruhe legte.

Ich habe “Marcellos Geige” inzwischen wieder gelesen – und wieder nahm es mich gefangen, wieder genoß ich, dass hier nicht nur eine spannende Geschichte erzählt wird, sondern außerdem jedes Detail mit Leben erfüllt ist. Andreas Liebert hat mit diesem Roman etwas geschafft, was ich fast für unmöglich hielt: Musik so zu beschreiben, dass sie “hör- und fühlbar” wird. Dabei kann sich der promovierte Musikwissenschaftler auf seine Fachkenntnisse verlassen – ohne seinen weniger kundigen Leser damit zu überfordern. Wenn Liebert Marcellos Geige beschreibt, dann ist es, als ob man sie vor sich sehen und sie in den Händen halten würde, dann werden Begriffe wie “Schnecke” und “Wirbel” fast zu Kosenamen. Und wo immer er Musik erklingen läßt, möchte man die Augen schließen und die Ohren spitzen. “Marcellos Geige” ist mein “Immer-wieder-Lese-” und “Verschenkbuch” fürs Jahr 1999 und wird’s so lange bleiben, bis Liebert einen Nachfolger vorlegt, auf den ich mich jetzt schon freue.

Sycorax, Herbst 1999

Und so werten wir:

0 Mephistos: Dieses Buch ist allenfalls als Toilettenpapier zu gebrauchen.

1 Mephistos: Dieses Buch ist so aufwendig gemacht, daß es als Klopapier zu schade ist. So darf es nach dem mühsamen Lesen im Regal stehenbleiben oder gegebenenfalls weiterverschenkt werden an Leute, die man nicht besonders mag.

2 Mephistos: Gut, zugegeben, dieses Buch war für ein wenig Unterhaltung gut und eignet sich dazu, eine lange S-Bahn-Fahrt zu verkürzen. Aber mehr als einmal werden wir es nicht lesen.

3 Mephistos: Dieses Buch nehmen wir gern mal wieder zur Hand. Ordentlich geschrieben, darf es in der ersten Reihe im Bücherschrank stehen. Vielleicht verschenken wir es auch an den einen oder anderen Bekannten.

4 Mephistos: Klasse! Dieses Buch ist einfach genial. Sowas schenkt man lieben Freunden und nimmt es gern auf die einsame Insel mit.



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