Editorial:
Prospero’s Knockout
Von Sibylle Luise Binder
Ein (Alp-)Traum von der Frankfurter Buchmesse
Heute nacht, in meinem Traum, habe ich ihn gesehen: Ein älterer Herr, gekleidet in ein prächtiges, goldgesticktes Gewand, eine Lesebrille auf der ausgeprägten Nase. Mit einem Buch in der Hand (ich glaube, es war der neue Grass) lag er schweratmend unter der lebensgroßen Pappfigur von Tom Wolfe, über ihm schwebte eine ätherische Gestalt und fächelte ihm mit der Ausstellungs-Katalog-CD Luft zu.
Natürlich habe ich ihn erkannt und mich ihm – mit dem gebotenen Respekt vor der Hoheit – genähert, um zu fragen, ob ich helfen könne. Er schaute mich aus rotgeränderten Augen an und dankte: Nein, nein, er fühle sich schon besser. Ich glaubte ihm nicht – er sah immer noch Besorgnis erregend bleich aus. Darum habe ich mir (es war ja Nacht und wir waren alleine in der Halle) am gegenüberliegenden Stand einen Aufsteller (auf dem stand irgendwas von wegen “Ich werde auch weiter den Mund aufmachen! – Oskar Lafontaine”) ausgeliehen, um damit seine Beine hochzulagern. Doch Herzog Prospero zuckte und murmelte leise: “Er soll doch seinen Rotwein trinken – Grass hat es gesagt, nachdem das Tischtuch zerschnitten war.” Er war offenkundig verwirrt, der alte Herr und so ging ich neben ihm in die Knie und flüsterte: “Das zerschnittene Tuch gehört zu Reich-Ranicki, nicht zu Lafontaine!” Prospero hob müde die Augenlider: “Reich-Ranicki – ja, der war auch da. Und er hat auch ein Buch geschrieben – über sein Leben. Man sollte es gelesen haben.” Seine Stimme wurde wieder leiser und verlor sich schließlich in einem Murmeln: “Wer soll das alles lesen? So viele Bücher, so viele Bücher …”
Ich hätte ihm gerne eine tröstliche Antwort gegeben – aber dummerweise bin ich aufgewacht und so blieb mir nur, beruhigendes zu denken: Dass die Frankfurter Buchmesse ja nicht in erster Linie der Buchpräsentation dient. Der Zweck der Veranstaltung ist – zumindest an den ersten Tagen, an denen die Messe nur dem “Fachpublikum” offen steht – offenkundig das Autoren-Schaulaufen.
Dabei werden die Autoren wie Eier in verschiedene Güteklassen eingeteilt. Da gibt es zum Beispiel die XL-Spitzenklasse. Das sind die Autoren, die nicht in persona erscheinen, aber dafür in riesigen Bildern oder gar lebensgroßen Pappaufstellern auf dem Stand ihrer Verlage präsent sind (nur böse Leute behaupten, dass die Pappaufsteller nach der Messe im Büro des Verlegers landen, wo sie als Dartscheiben oder Watschenmann verwendet werden, wenn die Umsätze des Buches nicht den Erwartungen entsprechen). Ein Teil von ihnen zeichnet sich dadurch aus, dass sie ihre verkaufsfördernde Prominenz nicht mit der Produktion von Büchern errungen haben. Wahrscheinlich sind sie des Schreibens gar nicht mächtig – aber dafür können viele kochen und weil Kochbücher immer gehen, wird man auf der Messe damit überschüttet. Doch trotz Sophia Loren’s Pastakochbuch (sehr sinnig mit überlebensgroßem Brustbild der Verfasserin präsentiert), Veronas Blubb-Kochbuch, Roberto Blancos “Vitalgeheimnis”, Herrn Joops sicher sehr kreativem Werk und Herrn Bioleks feinsinnigem fehlte mir noch eines – ich suchte vergeblich nach Inge Meysels “1001 Ideen mit kleingeschwätztem und x-mal gerührtem Quark”. Vielleicht sollte ich mich als Ghostwriter dafür anbieten, um damit eine Chance zu erhaschen, wenigstens in die Nähe einer XL-Autorin zu gelangen?
Bei den L-Autoren wäre das leichter. Die sind nämlich auf der Messe einfach zu finden: Man folge den Kamerateams. Da, wo sich viele sammeln, ist bestimmt ein L-Autor dabei, Werbung für sein Werk zu machen. Oder für seine Person? Die Unterschiede sind nicht klar, aber das muss so sein, denn schließlich kauft heute keiner mehr ein Buch wegen seines Inhaltes – scheinen jedenfalls manche Verlage zu denken.
Das wiederum haben die M-Autoren begriffen. Und weil sie gerne zu L-Eiern… Verzeihung, Autoren, würden, bemühen sie sich, als Literaten mit Künstlerattitüde aufzufallen (immerhin soll das bereits Herrn Handke zum Erfolg verholfen haben). Der Wege dazu sind viele – sie reichen von der Aufmachung (sehr gelungen fand ich jenen Herrn in dunkelblauem Anzug mit fingerbreitem Nichtmehrnadelstreifen zu roten Socken und Künstlermähne) über gezielte Provokation (wird leider immer schwieriger, da die Kamerateams schon so mit den Ls beschäftigt sind) bis hin zu Wuseligkeit nach dem Prinzip “Wer auf der Buchmesse nicht mindestens 25 Lektoren mit seinen neuen Ideen beglückt hat, war vergebens dort.”
Die S-Eier unterdessen fallen nicht auf – die fühlen sich nämlich wie Prospero: Total erschlagen von der Fülle und deprimiert im Gedanken daran, dass die Kinder ihres Geistes sich schwer tun werden, auch noch ein Plätzchen in einem netten Bücherschrank zu ergattern.
Und doch hat die Buchmesse etwas: Hin und wieder findet sich dort nämlich ein Prospero. Ja, es gibt ihn tatsächlich noch, den Leser, der Bücher liebt. Mancher findet sie gar so unwiderstehlich, dass er gleich mit einem großen (leeren) Rucksack kommt. Dumm nur, dass die Ordner an den Ausgängen darauf dressiert sind, einen Blick in große (volle) Rucksäcke zu werfen und die darin aufgefundenen Bücher den Verlagen zurück zu geben. Dort freuen sich alle darüber – nicht nur, weil sie ihre Bücher wieder haben, sondern auch, weil viel geklaut für “gut angekommen” spricht.
Was mich angeht: Ich werde nächstes Jahr wieder dort sein – nicht nur, weil ich so gerne höre, dass schon eines meiner Bücher geklaut worden ist, sondern auch, weil ich trotz der Fülle und trotz des Trubels in Frankfurt immer noch das finde, was ich mindestens so sehr liebe wie Prospero: Bücher, die zu lesen lohnen. Einen Teil davon wollen wir Ihnen in den nächsten Mephistopheles-Ausgaben vorstellen – in der Hoffnung, dass Sie des Lesens auch noch nicht überdrüssig geworden sind.
Herzlich
Sibylle Luise Binder
Stuttgart, im Oktober 1999
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