Benders Bestiarium:
Der farblose Selbstbefruchter

Homo sapiens boredomiensis

Vorbemerkung: In manchen alten Darlegungen zum Gegenstand wurde der farblose Selbstbefruchter für eine adoleszente Form des blaßblauen Klarsichthüllners (ebenda) gehalten. Inzwischen hat sich aber herausgestellt, dass er eine eigene Spezies ist, die allerdings besonders geballt in Universitäten und anderen Bildungsstätten auftritt.

Bevorzugtes Habitat: Der farblose Selbstbefruchter gehört, entgegen dem äußeren Anschein, nicht zu den pflegeleichten Heimtieren. Er ist im Gegenteil gegenüber rauhen Winden, Widerspruch und praktischer Anforderung seiner Fähigkeiten ausgesprochen empfindlich, weswegen man ihn vorwiegend in der geschützten Atmosphäre von Universitäten und anderen Bildungsstätten antrifft, wo er seiner ausgeprägten Neigung zum Besserwissen frönen kann, ohne jemals den Beweis antreten zu müssen, dass er es auch besser kann. Dazu braucht er, wie durch langjährige Studien bewiesen wurde, vom ersten Lebenstag an mehr Dünger als jede andere uns bekannte Spezies. Dazu eignet sich besonders mütterlicher Erstickstoff, dargereicht fünfmal täglich in kleinen, aber dezidierten Bewunderungsdosen. Diese Düngung verleiht dem farblosen Selbstbefruchter seine besondere Kritikresistenz und die ihn auszeichnende Dickfelligkeit.

Erscheinungsbild: Wie schon der Name sagt, zeichnet sich der farblose Selbstbefruchter durch ein eher unscheinbares Äußeres aus, das oft nur durch Pickel und vereinzelt sprießende, aber liebevoll gepflegte Barthaare eine gewisse Individualität gewinnt. Um ihn absolut sicher erkennen zu können, empfiehlt sich ein Blick unter die Oberbekleidung. Da der farblose Selbstbefruchter sich selbst sehr schätzt, neigt er dazu, auch im Hochsommer (dem Rat seiner Mama folgend) ein Rippenunterhemd (hält die Nierchen warm) und halblange Unterhosen zu tragen.

Besonderheiten: Ein bevorzugtes Spielzeug des farblosen Selbstbefruchters sind Computer. Davon versteht er (seinem Glauben zufolge) alles und daran kann er (seinen Worten folgend) alles, weswegen er sich keine Gelegenheit entgehen läßt, anderen (vor allem weiblichen Wesen) in epischer Breite darzulegen, wie gut er ist, warum er so gut ist und warum die anderen nicht so gut daran sind. Dabei unterzieht er sich großer Mühen und Anstrengungen. Er kann keine Mail zum Thema lesen, ohne sofort die Gelegenheit zu nutzen, sein Wissen in einer Antwort auszubreiten. Im Internet bewegt er sich nur, um Webdesigner (ohne Berücksichtigung des Inhaltes ihrer Seiten) darüber aufzuklären, was sie alles falsch gemacht haben und warum sich ihre Seiten auf seinem (natürlich ganz besonders ausgestatteten und ausgebufft konfigurierten) Computer nicht richtig darstellen lassen. Seine Begabung am Computer reicht aber noch weiter – es gibt nichts technisches, wozu der farblose Selbstbefruchter nicht einiges zu sagen hat. Er fährt selbstverständlich besser Auto als jeder andere (vor allem weibliche) Mensch; er sieht keinen Film, ohne sich nachher darüber auszulassen, wie die Tricks hätten besser gemacht werden können und er würde noch nicht einmal eine Glühbirne einschrauben, ohne dazu einen Vortrag zu halten, der seine Fähigkeiten im Glühbirneneinschrauben hervorhebt. Dabei fällt ihm nie auf, dass keiner ihm zuhört – so wenig wie er je von der Idee beleckt wird, jemand anderer könne vielleicht auch eine gewisse Kompetenz haben.

Benders Empfehlung: Wenn Sie keine Lust haben, Ihr Auto selbst in die Werkstatt zu fahren, Ihren Computer einzurichten oder Ihren Toaster zu reparieren: Schaffen Sie sich einen farblosen Selbstbefruchter an. Zu seinen Vorzügen zählt es außerdem, dass er nicht sehr unterhaltungsbedürftig ist – es reicht ihm, wenn Sie jeden fünften Satz von ihm mit “hmmm” kommentieren. Wenn Sie es dann noch schaffen, mindestens dreimal am Tag zu sagen: “Du bist toll!” (es muß nicht sehr überzeugend klingen – es reicht ja, dass er von sich überzeugt ist), wird er in Ihrem Umfeld bestens gedeihen. Allerdings empfiehlt sich, ihn dazu zu veranlassen, Ihnen einen eigenen Computer mit Internetzugang einzurichten, so dass Sie wenigstens alle zwei Wochen Mephistopheles lesen können und damit davor sicher sind, an Langeweile einzugehen.

© Franziska Bender, November 1999

Zurück zur Übersicht Bestiarium



Artikel bewerten:

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne (Noch keine Bewertungen)
Loading ... Loading ...

Hinterlasse einen Kommentar

Bitte lesen Sie vor dem Kommentieren die Datenschutzerklärung.