Benders Bestiarium:
Der unverstandene Sensitivling
Homo sapiens missverstandiensis
Bevorzugtes Habitat: Von der Bibliothek über den Jazzclub, vom Supermarkt bis zur Gartenwirtschaft, von der Sauna bis zum Tennisclub – der unverstandene Sensitivling stellt wenig Ansprüche an seinen Lebensraum. Glaubhaften Berichten zufolge scheint er allerdings einer gewissen Unflexiblität zu unterliegen, weswegen er bisher eher selten (und wenn, dann nur kurz) in Geschäftsleitungs-Etagen und Luxus-Herbergen gesichtet worden sein soll.
Erscheinungsbild: Aller Welt Schmerz drückt auf seine (oft schmalen) Schultern, weswegen er sie vorwiegend gebeugt trägt. Dazu ist ihm wenig an Äußerlichkeiten gelegen, was sich oft darin zeigt, dass er sich in beutelartigen Jeans und verwaschenen Flanellhemden am wohlsten fühlt. Sorgenfalten furchten sein Antlitz, Gespräche pflegt er sehr oft mit einem Seufzen einzuleiten, von dem aus er dann ohne weitere Atempause (und damit Fluchtmöglichkeit für sein Gegenüber) in ein Lamento darüber ausbricht, wie wenig die Welt (insbesondere die weiblichen Bewohner derselben) ihn zu schätzen weiß. Dabei umgibt ihn aber bei aller Larmoyanz immer eine gewisse Selbstzufriedenheit, die sich zum Beispiel in Sätzen wie “Selbstverständlich bin ich bereit, meine Fehler zuzugeben…” (unausgesprochen läßt er, was sich sowieso jedes Gegenüber dazu denkt: “…wenn ich welche hätte!”) oder “Ich wollte doch nur das Beste…” äußert.
Er vergißt nie zu betonen, wie sensibel er ist – und dass alles, was je an Vorwurf gegen ihn gerichtet wurde, entweder auf Ignoranz des Gegenübers oder auf einem Mißverständnis beruhte (das aber wiederum meist in der Unsensibilität des Anderen begründet war). Leider bezieht sich seine Sensibilität nur auf die eigene, ausgesprochen dünnhäutige Person, die er unter Einsatz schärfster Waffentechnik zu verteidigen bereit ist.
Besonderheiten: Der unverstandene Sensitivling ist vor allem und immer davon überzeugt, dass die Welt seiner nicht wert ist. So liebt er es, mit ihr beleidigt zu sein und sich dann in seinen Schmollwinkel zurückzuziehen, wo er in der ihm eigenen Selbstzufriedenheit seine Wunden leckt und jeden, der den Fehler macht, an ihm vorbei zu kommen, mit endlosen Klagen darüber erfreut, wie miß er wieder einmal verstanden wurde.
Benders Empfehlung: Finger weg! Der unverstandene Sensitivling ist giftig und kann auch durch längeres Abkochen nicht verträglich gemacht werden. Wird er in kleinen Portionen genossen, verursacht er Magengrimmen, in größeren kann er zu Hautausschlägen und Schreikrämpfen führen. Selbst für Affären ist er nicht empfehlenswert, da er am Anfang durch stundenlange (und oft sehr uncharmante) Darlegungen seiner Absichten langweilt, währenddessen dauernd bewundert und bestätigt sein will und am Ende durch lange, aufarbeitende Gespräche darzulegen bemüht ist, wodurch die Partnerin ihn in seiner ungeheuren Sensibilität verletzt hat.
© Franziska Bender, November 1999
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