Tango
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Er kannte die Frau nicht. Das einzige, was sie verband, war, daß sie jeden Sonnabend in das matterleuchtete Tanzlokal kamen.
Er hatte sie da stehen sehen, an die Wand gelehnt, scheinbar gelangweilt, und dann, als die ersten Takte des Tangos erklangen, hatte er sich ein Herz gefaßt und sie wortlos aufgefordert. Ebenso wortlos hatte sie ihm eine schmale, kühle Hand entgegengestreckt und sich auf die Tanzfläche führen lassen.
Wenig Menschen heute abend. Diese traurige Melodie. Und diese Frau in seinem Arm, die kein Wort sprach. Ihre Augen sahen starr an seinen vorbei ins Unbestimmte, und er wagte nicht, sie nach ihrem Namen zu fragen. Er war ein guter Tänzer, wußte es, und sie folgte leicht und geschmeidig seinen Bewegungen, ließ sich führen, als tanzten sie schon seit Jahren miteinander.
Ihr Parfum, herb wie Sandelholz, mit einem ganz schwachen Anflug orientalischer Süße, kitzelte in seiner Nase. Ihre Hand ruhte leicht auf seiner Schulter, waagerecht der Unterarm, wie die Regel es vorschrieb, die Hand ausgestreckt, nur die Andeutung einer Berührung. Er konnte ihre Augen nicht sehen, aber er konnte sich ihren Blick deutlich vorstellen: geradeaus gerichtet, aber nach innen gewandt. Jedesmal, wenn sie die Richtung wechselten, flog ihr Kopf in stolzer Bewegung herum.
Er war ein guter Tänzer, aber kein begehrter, zu unscheinbar war sein Äußeres. Ihm selbst wurde es nicht bewußt, sonst hätte er wohl etwas daran geändert, an den schäbigen, grauen Hosen, den immer eine Spur zu engen und altmodischen Hemden. Es kümmerte ihn kaum. Er kam nicht, um eine Frau zu finden, er kam, um sie im Tanz zu fühlen und zu umwerben, sich ihnen in der Sprache der Bewegung mitzuteilen, ohne große Worte zu wechseln.
Er liebte den Tango, diese strengen, wie abgezirkelten Bewegungen, die dennoch nie starr wirkten, dieses Gefühl einer Leidenschaft, die doch immer die letzte Distanz wahrte. Er fühlte die Knochen, die Muskeln und Sehnen ihres Rückens, dünn war sie, viel zu dünn, aber sie war die Frau, und es war der Tanz. Der Tanz war es, der sie im Kreis trieb, rund um den ovalen Tanzboden, theatralisch die Musik, mit einem Hauch von Tod und Trauer. Eine rote Blume stak in den wirren dunklen Locken der Fremden, jetzt fiel sie zu Boden, jeden Moment bedroht, von tanzenden Füßen zertreten zu werden, aber immer glitten sie daneben vorbei, drehten und bogen sich die Paare, und in ihrer Mitte lag sie immer noch, eine leuchtende Hibiskusblüte wie die vielen, die um das kleine Gartenlokal herum wuchsen.
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Die Melodie quoll zögernd aus dem Bandoneon, als müsse der Spieler sie ihm erst entreißen, dann perlten die Klänge, leicht, frei, als sei die Welt immer in Ordnung, aber gleich kamen wieder diese gequälten Akkorde, ein Weinen fast, und die Gesichter blickten starr ins Weite, nicht traurig, nicht glücklich, entrückt und sehr unbekümmert ob aller menschlichen Regungen, als seien es Puppen.
Ihr Rock hatte die gleiche Farbe wie die Blume auf dem Boden. Er zog sie eine Spur fester an sich, Valentino, bog sie zurück, und immer schien sie jeden seiner Schritte vorauszuahnen, reagierte mit der Geschmeidigkeit einer Katze, aber gleichgültig, als tanze sie allein. Schneller wurde die Musik, Röte überzog die Gesichter, doch ihre Hand blieb kalt. Er tanzte neue, andere Schritte, drehte sich schneller, wußte nicht mehr, war es Werben oder Kampf. Schon war er versucht, sie doch nach ihrem Namen zu fragen, aber plötzlich brachte er die Lippen nicht mehr auseinander, der Tanz schien jede Konversation von selbst zu verbieten, dieses sinnlose “Wer sind Sie und was treiben Sie?”.
Die Musik löschte die Umgebung aus in seinem Kopf, da war nur noch dieses kühle, schmale Wesen in seinen Armen, die herzzerreißenden Klänge und die Bewegungen, immergleich und doch nie ganz dasselbe, das alte Ritual von Werben und Umworbenwerden. Verzweiflung stieg auf in ihm, als das Lied sich dem Ende näherte. Er wollte nicht aufhören. Er wollte sie nicht zurückführen müssen, wollte nicht reden müssen, nur tanzen, nur sich drehen, losgelöst, weit weg, für nichts mehr erreichbar.
Während er so dachte, tanzten seine Füße weiter, führte sein Arm sie in immer neue Drehungen und Wendungen, schneller und schneller, und dann tat er die Augen auf und sah sie alle um die Tanzfläche herumstehen mit verwunderten Gesichtern, und er kehrte zurück und begriff, daß die Musik längst aufgehört hatte.
Er hielt inne und ließ die Frau los, stotterte etwas Unverständliches und wich einen Schritt zurück, voll Ungewißheit, was nun kommen würde. Sie schien sich eine Weile zu besinnen, als müsse sie erst aus einer anderen Welt zurückkehren, dann sah sie ihn an, durchdringend, er sah kein Gesicht, nur ein Paar sehr dunkler Augen ohne Reflexe, und es war sehr still.
Plötzlich lachte sie. Ein berstendes Lachen, das schier nicht enden wollte, voll und heiter, aus tiefster Seele kommend. Die Instrumente fielen ein in die Musik ihres Lachens, und die Gäste stürzten sich in einen wilden, lustigen Tanz.
Er stand starr, dann, auf einmal, löste sich seine Zunge, und er wollte sie anreden, anrufen, mit ihr sprechen, aber dann sah er sie zurückweichen, noch immer lachend, und sie wandte sich um und verließ den Raum.
Ihr Lachen hallte in ihm nach, und er verfluchte seine bleischweren Füße, die ihn ihr nicht hinterhertragen wollten. Sie folgten ihrer eigenen Regie und trieben ihn dann in die Mitte der Tanzfläche, wirbelten und schüttelten ihn und achteten nicht mehr auf die Hibiskusblüte.
Olivia Adler, 1990 und Februar 2003
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