Milan

Folgt mir, meine Freunde, in das Haus am anderen Ufer der Zeit, und horcht auf die Geschichte, die ich zu berichten habe. Sie trug sich zu in lang vergangenen Tagen, als die Legenden noch jung waren. Es ist die Geschichte von Milan, dem Jäger.

In seiner Heimat war er schon zu Lebzeiten eine Legende, und es gab viele, die an seiner Existenz zweifelten und behaupteten, all die sonderbaren Dinge, die man sich über ihn erzählte, seien pure Erfindung.

Milans Landsleute waren Bergbauern, und sie wohnten so abgelegen, dass das Leben im übrigen Reich für sie nicht mehr war als ein ferner Traum. Sie kannten nicht einmal den Namen ihres Königs. Ihr Land war Grenzland, unwirtlich und dünn besiedelt. Selten nur konnten sie Gäste bei sich begrüßen, und jenseits der Berge begann schon das Nachbarreich. Die eigentlichen Herren waren die Bären und Wölfe. Unangefochten bewohnten sie die dunklen Wälder, und niemand machte ihnen ihre Herrschaft streitig – niemand außer Milan, den viele auch den Roten Jäger nannten, nach seinem roten Wams, von dem die Sage ging, es sei mit dem Blut der Bäume gefärbt. Die Alten behaupteten, er sei schon immer dagewesen, ein Geschöpf des Berges, so unbegreiflich wie Feuer und Wind. Wenn er den Bären und Wölfen ihre Beute abluchsen konnte, verzichtete er darauf, selbst zu jagen, oder begnügte sich auch oft mit dem, was die anderen ihm übrig ließen.

Keiner aber konnte mit Sicherheit behaupten, Milan jemals begegnet zu sein. Normalerweise floh er die Menschen und verstand es meisterlich, sich vor ihnen zu verbergen. Und die, die ihm doch begegneten, kehrten nicht mehr nach Hause zurück. Eine der bösesten Geschichten, die über ihn die Runde machten, handelte davon, dass er sich der Unvorsichtigen bemächtige als Opfer dafür, dass die wilden Tiere nie in die Siedlungen einfielen.

Das nämlich war ein wunderliches Ding: Solange die Menschen in ihren Siedlungen blieben und sich nicht in den Wald wagten, waren sie ihres Lebens sicher. Und kein Wolf, kein Bär, kein Luchs, nicht einmal ein Wiesel wollte sich an ihrem mühsam aufgezogenen Vieh vergreifen.

Die Realisten unter den Dorfbewohnern behaupteten freilich, das sei alles nur Altweibergeschwätz. Wenn die Unvorsichtigen aus einem Wald voller wildem Getier nicht lebend zurückkehrten, sei das nur natürlich und ihre eigene Schuld.

Das Merkwürdige war nur, dass viele von denen, die nicht wiederkamen, Kranke oder Unglückliche gewesen waren, die nicht mehr ein noch aus gewusst hatten. Erst vor kurzem hatten Jäger im Wald die Leiche eines jungen Mädchens gefunden, das von seinem Liebsten in Schande verlassen worden war. Ohne die Spur einer Verletzung lag sie am Ufer eines kleinen Weihers, und auf ihrem bleichen Gesicht lag ein solcher Ausdruck des Friedens, als sei sie nach einem langen, erfüllten Leben sanft im Schlaf verschieden.

“Das war kein Bär und kein Wolf”, sagten die Hirten und bekreuzigten sich schaudernd.

* * *

Als die neue Kunde das Dorf in Aufruhr versetzte, weilte gerade ein fahrender Geselle dort, ein Instrumentenmacher, den die Schwindsucht heimgesucht hatte und nicht mehr aus ihren Krallen lassen würde. Bis in die Berge hatten seine Beine ihn noch getragen, aber nun ließen seine Kräfte von Tag zu Tag mehr nach, und immer deutlicher glaubte er in seinen unruhigen Träumen das dunkel lächelnde Antlitz des Todes zu erkennen.

Dennoch war er unverzagt und fest entschlossen, sein Leben bis zur Neige auszuschöpfen. Und da kam es ihm gerade recht, dass der Dorfrat händeringend nach einer Möglichkeit suchte, dem unheimlichen Jäger auf die Spur zu kommen. Er meldete sich zu Wort und trat vor die Versammlung der Ältesten.

“Wenn ich recht verstanden habe”, begann er, “zeigt sich der Rote Jäger keinem normalen Menschen, sondern nur denen, die den Tod suchen oder bereits von ihm gezeichnet sind. Seht mich an: Ich habe nicht mehr lange zu leben. Lasst mich in den Wald gehen und euch zu ihm führen. Vor mir wird er sich nicht verstecken, und ihr werdet ihn sehen können und endlich erfahren, ob er mehr als nur eine Legende ist.”

Wie es vorgeschlagen war, wurde es dankbar beschlossen, und wie es beschlossen war, wurde es ausgeführt. Am nächsten Morgen schon zog der Geselle in den Wald, mit Bogen und Schwert bewaffnet für den Fall, dass Bär und Wolf Milan zuvorkommen sollten.

Im Hintergrund aber, gerade weit genug zurück, um nicht gleich entdeckt zu werden, folgten ihm die besten Jäger des Bergvolkes.

Aber sie wanderten einen ganzen Tag durch den dunklen Wald, und nichts begegnete ihnen, nicht einmal ein Vogel war zu hören.

Die Jäger rätselten, und die jüngeren wurden ungeduldig.

“Wenn es so einfach wäre, den Roten Jäger zu fangen, hätten es schon längst andere vor uns getan”, beruhigten die älteren unter ihnen. “Es wird eine Zeit dauern. Bleibt wachsam und lasst euch durch diesen scheinbaren Frieden nicht täuschen.”

Als dann aber die Nacht hereinbrach und immer noch alles so geisterhaft still war, bekam vor allem der Geselle es mit der Angst zu tun. Immer öfter sah er sich nach den anderen um und ging erst weiter, wenn er die Zweige unter ihren Füßen knacken hörte. Er wanderte, bis seine ohnehin schwachen Kräfte nachließen und er sich im Schutz einiger Büsche zur Ruhe legen musste. Zusammengekauert, Bogen und Schwert, mit denen er gar nicht recht umzugehen wusste, fest gegen seine Brust gepresst, wartete er, bis auch die Schritte seines Gefolges verstummten, dann schlief er ein und erwartete wie jede Nacht den Bruder des Schlafes.

* * *

Als er nach Sonnenaufgang erwachte, schien wieder alles in Ordnung zu sein. Die Vögel sangen, kleine Tiere raschelten im Gebüsch, Käfer krabbelten über sein Wams, und durch die Wipfel der Bäume stahlen sich goldene Lichtfinger und gaben dem düsteren Wald ein freundlicheres Gesicht.

Trotzdem hatte der Geselle genug. Er wollte nichts lieber als den Wald so schnell wie möglich verlassen. Nur ein paar Schritte weiter lagerten seine Gefährten. Er wollte zu ihnen gehen und ihnen sagen, dass sie allein weitersuchen müssten. Er aber wolle zurückkehren und sein Leben in Ruhe beschließen. Also ging er in die Richtung, in der er die anderen vermutete, aber da war nichts, nicht einmal Spuren eines Kampfes. Als hätten sie sich in aller Stille zurückgezogen und ihn seinem Schicksal überlassen.

“Aber das würden sie doch niemals tun?” fragte er sich selbst ratlos. “Wenn sie gegangen wären, hätten sie mich doch mitgenommen. Was ist da nur geschehen?”

Da er inzwischen begriffen hatte, dass Suchen zwecklos war, richtete er sein Augenmerk darauf, dem Wald zu entkommen. Aber es war wie verhext: Welche Richtung er auch einschlug, er schien sich im Kreis zu bewegen. Nirgends ein Anhaltspunkt, nirgends auch nur die Andeutung einer Aufhellung, jeder Baum, jeder Strauch, jeder Fels, jedes Waldstück sah gleich aus.

Als er einen halben Tag so umhergeirrt war, kam er auf einen neuen Gedanken, der ihm zwar selbst verrückt vorkam, aber auch nicht weniger Erfolg versprechen konnte als alles andere, was er schon versucht hatte.

“Wenn meine Augen mich schon nicht nach draußen führen können, soll es meine Nase versuchen”, murmelte er und band sich sein Halstuch vor die Augen. Mit dem Schwert tastete er sich den Weg und hatte schnell nicht mehr das Gefühl, andauernd im Kreis zu laufen.

Er ging geradewegs in die Richtung, aus der der Wind ihn anwehte. Und der Duft des Windes trug ein freundliches Bild mit sich: einen sprühenden Wasserfall, davor eine Wiese mit Kräutern und Blumen. Da der Geselle inzwischen durstig war, folgte er gern. Wenn er erst einmal einen Bach gefunden hatte, konnte er dem Lauf des Wassers folgen.

Je weiter er ging, desto deutlicher konnte er das Wasser auch rauschen und plätschern hören. Und als es nur noch wenige Meter von ihm entfernt sein konnte und helles Sonnenlicht direkt auf sein Gesicht fiel, nahm er die Binde ab.

Dem Wald war er noch nicht entkommen, wie er schon fast gehofft hatte. Er fand sich auf einer kleinen Lichtung mit einem Wasserfall wieder, der in einen Gebirgsweiher mündete und sich seinen weiteren Weg vermutlich unterirdisch suchte. Mit der Hoffnung, auf diese Weise den Wald endlich verlassen zu können, war es also vorbei. Der Geselle wurde immer mutloser. Aber der Durst war stärker und forderte sein Recht. Er kniete also am Rande des Weihers nieder und trank von dem eiskalten Wasser. Der Preis für diese Erfrischung war ein heftiger, quälender Hustenanfall, bei dem er wie jedes Mal das Gefühl hatte, seine Lungen würden dabei zerrissen. Aber die Schmerzen waren schlimmer als jemals zuvor, und als er seine Hand vom Mund wegnahm, war sie rot von Blut. Es konnte nicht mehr lange dauern. Wahrscheinlich würde er nicht einmal mehr den Wald lebend verlassen. Er blieb sitzen, wo er war und starrte apathisch in das klare, grüne Wasser. War es nicht hier, wo sie das arme Mädchen gefunden hatten?

“Genau hier war es”, sagte da plötzlich eine ruhige Stimme hinter ihm. “Hierher kommen sie alle, gleich, welche Richtung sie einschlagen. Hier finden sie, was sie gesucht haben.”

Der Geselle zögerte damit, sich umzudrehen. Er ahnte schon, wer da zu ihm gesprochen hatte. Aber keiner von ihnen hatte eigentlich ernsthaft erwartet, dass Milan sprechen könne. Geister seiner Art sprachen in den seltensten Fällen.

Schließlich aber überwand die Neugier die Scheu, und er drehte sich um. Der Rote Jäger lehnte im Schatten des nächsten Baumes und ließ ihn nicht aus den Augen. Er trug tatsächlich ein dunkelrotes Wams und sah aus wie ein großer, hagerer Mensch mit raubvogelähnlichen Gesichtszügen. Seine hellen, grün leuchtenden und scharfsichtigen Augen waren das Fremdartigste an ihm, seine Haare von einem unregelmäßigen, fleckigen Braun. Wie Vogelfedern legten sie sich eng an seinen Kopf. Er war unbewaffnet.

“Warum kommst du nicht näher?” fragte der Geselle, bemüht, sich sein wachsendes Unbehagen nicht anmerken zu lassen. Schließlich war noch keiner, der Milans ansichtig geworden war, jemals zurückgekehrt.

“Du weißt doch, wer ich bin”, sagte der Jäger freundlich. “Und ich weiß, wer du bist. Deine Gefährten haben dich in Stich gelassen, und du bist krank und müde. Lass mich dir helfen.”

Er verließ seinen Baum und glitt mit katzenhafter Anmut auf den Gesellen zu. Er kniete hinter ihm nieder und legte seine Hände mit einer fast liebevollen Bewegung um den Hals des Todgeweihten. Plötzlich wusste der Instrumentenmacher, weshalb die Leute ihn den ’sanften Jäger’ nannten. Er wusste auch, dass er nichts spüren würde, wenn er ihn jetzt gewähren ließ. Es würde ganz leicht gehen, und wenn sie ihn nachher fänden, würde er den gleichen friedlichen Gesichtsausdruck haben wie das tote Mädchen. Der sanfte Druck der kühlen Hände wurde fester, und der Geselle hatte auf einmal kein Bedürfnis mehr, zu atmen. Das Brennen in den Lungen hatte aufgehört, und er fühlte sich leicht, ganz leicht.

Aber der Geselle wollte nicht sterben. Er war in den Wald gekommen, um Milan zu den Bergbewohnern zu bringen, und er würde aushalten, bis seine Aufgabe erfüllt war.

“Lass mich los”, bat er. “Ich will nicht.”

“Oh ihr Menschen”, sagte der Rote Jäger und lachte leise. “Wie dumm ihr doch seid. Aber gut, du willst nicht. Milan hat noch niemandem den Tod gebracht, der ihn nicht wollte. Was aber willst du dann?

“Die Menschen aus der Gegend wissen nicht, ob sie an dich glauben sollen”, begann der Geselle unsicher. “Sie werden erst an dich glauben, wenn sie dich sehen.”

Da stieß der Rote Jäger einen seltsamen, heiseren Schrei aus. “Diese Narren! Wenn sie nicht an mich glauben würden, könnte ich doch gar nicht existieren!”

“Wer bist du wirklich?” wagte der Geselle zu fragen.

“Ich bin das, was sie am meisten fürchten und zugleich ersehnen”, sagte Milan sphinxhaft. “Ich bin der Jäger, der schlägt, was krank und schwach und mutlos ist, was nicht länger leben kann. Ich sorge dafür, dass alles im Gleichgewicht bleibt.”

“Ich weiß, wer du bist”, triumphierte der Geselle in plötzlicher Erkenntnis. “Du bist der Teufel!”

Der Rote Jäger schüttelte nur mitleidig den Kopf. “Nein, du Kleingläubiger, ich bin nicht der Teufel. Der Teufel sucht die Lebenden heim. Ich aber erlöse sie davon. Die Hölle ist das Leben. Es gibt keine Hölle danach. Der Teufel ist die Gier nach allem, was ein kurzes Glück schenkt und doch nur vergänglich ist, nach dem, was man nicht bekommen kann oder dem, was anderen Verderben bringt. Der Teufel beherrscht die Welt, aber ich bin für all diejenigen da, die sie verlassen wollen. Ich bin älter als Teufel und Engel. Ich bin weder gut noch böse, so wie auch der Wirbelsturm, der Frost, der Blitz und Hagelschlag weder gut noch böse sind. Ich bin die natürliche Vernunft. Ich bin der Jäger, der alles im Lot hält. Dieser Wald ist mein Revier, und ihr tut gut daran, nicht in seine Ordnung einzugreifen.”

Der Geselle war sehr still geworden und wusste nichts mehr zu sagen. Milans Hand ruhte noch immer auf seiner Schulter, und die Versuchung, ihm nachzugeben, war übermächtig. Sein Lebenswille war kurz davor, ihn zu verlassen, und beinahe hätte er sich müde in die Arme des Jägers sinken lassen, als plötzlich ringsumher ein Schreien und Lärmen war, als sei die Wilde Jagd über die friedliche Lichtung hereingebrochen.

* * *

Es war nicht die Wilde Jagd gewesen, sondern seine verschollen geglaubten Gefährten, die den Weg zu ihm schließlich doch noch gefunden hatten. Milan hatte keinen Versuch unternommen, sich ihrer zu erwehren, und obwohl seiner Feinde gut zwei Dutzend waren, bezweifelte der Geselle keine Sekunde, dass ihm das nicht die geringsten Schwierigkeiten bereitet hätte. Zweifellos hatte er sich fangen lassen wollen.

Mitten auf dem Marktplatz war ein großer Käfig aufgestellt, und da saß er nun, ein merkwürdig unpassendes feines, fast heiteres Lächeln auf den schmalen Lippen. Dabei war ihm der Scheiterhaufen sicher.

Der Prozess fand vor den Augen des Angeklagten statt, und die ganze Gemeinde hatte sich dazu eingefunden. Sie konnten nicht genug davon bekommen, ihn anzugaffen, und erst das energische Eingreifen der Büttel gebot dem unrühmlichen Schauspiel Einhalt.

Ein jeder brachte seine Klage wegen der verschwundenen Lieben vor, am lautesten aber schrien die Eltern des unglücklichen Mädchens, und die Mutter schüttelte gar noch ihre Faust gegen den Käfig und verfluchte Milan.

Da sie aber die letzte in der Reihe der Kläger gewesen war, kam nun an ihn die Reihe zu sprechen, und wie im Wald der Geselle erstarrten auch alle anderen, als der Rote Jäger zum ersten Mal den Mund auftat und in seiner ruhigen, sanften Art zu sprechen begann.

“Unseliges Weib”, sagte er, und so sie auch wollte, sie konnte ihren Blick nicht von seinen hellen, grünen Augen abwenden. “Hättest du dich nur besser um dein Kind gekümmert, als es noch am Leben war und deine Hilfe brauchte, statt dich an deine kleinsinnige Moral zu klammern, hätte es sich den Weg in den Wald ersparen können. Ihr seid zum Leben verdammt und macht es euch noch schwerer mit eurer Engstirnigkeit, fürchtet dabei aber nichts mehr als den Tod. Und jetzt wollt ihr euch meiner entledigen, weil ihr Angst vor ihm habt und mich statt seiner vernichten wollt. Aber es wird euch nichts helfen. Der Tod ist älter als die Welt und durch nichts zu vernichten. Der Tod ist das Prinzip der ewigen Veränderung und Wegbereiter allen Lebens. Milan wird nicht wiederkommen, aber er wird auch nicht sterben.”

* * *

Das waren die letzten Worte des gefürchteten Roten Jägers gewesen. Das Urteil wurde gesprochen und lautete auf Tod durch den Scheiterhaufen. Der Geselle wurde als Held gefeiert, aber er konnte sich an seinem Ruhm nicht freuen. Er musste machtlos zusehen, wie sie Milan an den Pfahl fesselten, wie sie das Feuer anzündeten und die Flammen hell hochschlugen. Das Volk, das seine eigene Angst in den Tod schicken wollte, wartete gespannt, aber der Verurteilte blieb stumm und ungerührt, als fühle er nichts. Und der Geselle wusste, dass Feuer keine Waffe war, mit der ein Roter Jäger zu vernichten gewesen wäre.

Als dann aber die Flammen über ihm zusammenschlugen und er nur noch ein Schatten hinter der sengenden Lohe war, fühlte der Geselle einen jähen, grausamen Schmerz in der Brust, schlimmer noch als der letzte, und ehe auch nur einer etwas davon bemerkte, kam der Tod über ihn.

Kurz bevor er starb, hörte er noch einen hohen, heiseren Schrei, und mitten aus den Flammen erhob sich ein Raubvogel, kreiste noch einige Male in unnachahmlich elegantem Segelflug über den Platz und zog dann davon.

Es gab viel Gerede um diese Geschichte, und sie machte ihren Weg bis zum Palast des Königs in der fernen Reichshauptstadt. Die Asche des Scheiterhaufens wurde einer genauen Untersuchung unterzogen, aber man fand nichts als verbrannten Reisig und Reste der Stricke, mit denen Milan gefesselt gewesen war. Das Rätsel wurde nie gelöst, und mit der Zeit kehrte auch wieder Ruhe in die einsame Gegend ein.

Von diesem Tag an verschwanden nie wieder Menschen auf unerklärliche Weise im Wald, und die Stallungen der Bergbauern waren nicht länger sicher vor den wilden Tieren.

Aber der Rote Milan zieht noch heute seine Kreise über den Wipfeln.

* * *

Olivia Adler, 1987



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